Monster Chetwynd
kuratiert von Sofia Ohmer & Florian Waldvogel
FR 25.09.26, 19:00 ERÖFFNUNG
Monster Chetwynd (*1973 in London) gehört zu den eigensinnigsten Stimmen der internationalen Gegenwartskunst. Ihre Praxis ist eine radikale Absage an sterile Hochglanzästhetik, konventionelle Autorschaft und die Vorstellung eines in sich abgeschlossenen Kunstwerks. Stattdessen kultiviert sie ein organisches, kollektives und bewusst dilettantisches Universum, in dem Performance, Skulptur, Installation, Kostüm und Modellbau zu einem ebenso fantastischen wie widerspenstigen Gesamtkunstwerk verschmelzen. Antike Mythologie und mittelalterliches Mysterienspiel treffen darin auf Science-Fiction, B-Movies, Comics, Fernsehserien und die subversiven Gegenkulturen der 1960er- und 1970er-Jahre. Sie bilden eine Strategie kultureller Umcodierung. Chetwynd begreift Mythen der Hochkultur und Narrative der Populärkultur nicht als feststehenden Kanon, sondern als gemeinschaftlich verfügbares Material. Sie eignet sich Geschichten an, verändert deren Perspektiven und überführt sie in neue, häufig feministisch oder ökologisch aufgeladene Zusammenhänge.
Für die Ausstellung im Kunstraum Innsbruck entwickelte Chetwynd eine raumgreifende Installation, in der „Zuul Beasts“, „Velvet Worms“, verschiedene „Moths“, der „Benjamins’ Head“ sowie 25 Modelle zu einer vielgestaltigen Population zusammentreten. Die einzelnen Arbeiten werden dabei nicht als autonome Skulpturen präsentiert, sondern als Bestandteile eines gemeinsamen Szenarios. Der Ausstellungsraum verwandelt sich in eine Bühne, ein begehbares Modell und eine provisorische Welt, deren Maßstäbe fortwährend wechseln. Monumentale Kreaturen begegnen miniaturisierten Architekturen, Köpfe, Tiere, Insekten und hybride Wesen scheinen miteinander zu kommunizieren.
Ein wiederkehrendes Motiv in Chetwynds Werk ist das Monströse. Nicht nur ihr selbstgewählter Künstlerinnenname, den sie 2018 annahm, evoziert das Groteske, Exzentrische und Ungeheuerliche, auch ihre Skulpturen und Performances zelebrieren konsequent das Abweichende. Das Monster ist dabei weder bloße Schreckensfigur noch dekorative Kuriosität. Es verkörpert das Andere, das Unangepasste und Widerständige. Als hybrides Wesen setzt es sich über scheinbar natürliche Grenzen hinweg: zwischen Mensch und Tier, männlich und weiblich, schön und hässlich, lächerlich und bedrohlich. Gerade weil sich das Monster einer stabilen Identität entzieht, besitzt es ein utopisches Potenzial. Es zeigt, dass Körper, Rollen und soziale Ordnungen auch anders vorstellbar sind.
Auch wenn in dieser Ausstellung die skulpturale Installation im Mittelpunkt steht, bleibt die Performance in sämtlichen Arbeiten latent anwesend. Die Kreaturen wirken wie Darsteller:innen, die ihre Positionen bereits eingenommen haben. Die Modelle erinnern an Bühnen, auf denen eine Handlung beginnen könnte. Der Ausstellungsraum wird damit zum Zustand gespannter Erwartung. Die Aufführung ist entweder gerade vorüber oder steht unmittelbar bevor. Es ist jedoch ebenso denkbar, dass sie längst stattfindet und die Besucher:innen, ohne es zunächst zu bemerken, bereits Teil von ihr geworden sind.
So wird die Ausstellung im Kunstraum selbst zu einem monströsen Organismus. Die gezeigten Arbeiten bilden keine geordnete Sammlung, sondern eine provisorische Gemeinschaft. Jede Figur besitzt ihre eigene Präsenz, doch erst in der räumlichen Nachbarschaft entstehen Beziehungen, Spannungen und mögliche Geschichten. Monster Chetwynds Kunst lädt dazu ein, diese Welt nicht lediglich zu betrachten, sondern sich von ihr verwandeln zu lassen. Sie darf schmutzig, laut, komisch, verletzlich und widersprüchlich sein. Und vor allem darf sie das sein, was in normierten Ordnungen keinen vorgesehenen Platz besitzt: ein Monster.
VERANSTALTUNGEN WÄHREND DER AUSSTELLUNGSZEIT
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