Magdalena Frauenberg
kuratiert von Sofia Ohmer & Florian Waldvogel
FR 06.03.26, 19:00 ERÖFFNUNG
Magdalena Frauenberg (*1996, Österreich) verbindet feministische Perspektiven mit einer poststrukturalistisch geprägten Bildsprache, in der kulturelle Zeichen nicht als feste Bedeutungen erscheinen, sondern als bewegliche, historisch gewordene Konstruktionen. Ihre Installationen, Fotografien und Videoarbeiten greifen auf regionale Ikonografien, kunsthistorische Referenzen und materielle Artefakte zurück, um Zuschreibungen von Weiblichkeit infrage zu stellen. Erinnerung, Körper und kulturelle Zeichen treten in ein offenes Verhältnis zueinander, in dem Sichtbarkeit stets von Abwesenheit durchzogen bleibt. Gerade in dieser Spannung entsteht ein Bildraum, der weniger erklärt als vielmehr verschiebt, verknüpft und neu lesbar macht.
Im Zentrum der Ausstellung stehen vier Lichtvitrinen, die weniger als Objekte im klassischen Sinn, denn als räumliche Dispositive fungieren. Sie versuchen, das Licht der Außenwelt in den Innenraum der Ausstellung zu lenken und behandeln Leere und Helligkeit selbst als formgebende Materialien. Licht erscheint hier nicht als neutrales Medium der Sichtbarkeit, sondern als kuratierte, gelenkte Größe, die Wahrnehmung strukturiert und Bedeutungen hervorbringt. Die Vitrinen erzeugen eine Illusion nicht durch Überfülle, sondern durch gezielte Reduktion. Sichtbar wird vor allem das, was fehlt: ein Raum, der durch Abwesenheit definiert ist.
Diese Strategie verweist auf kunsthistorische Bildtraditionen, in denen Leere eine zentrale symbolische Funktion übernimmt. In Fra Angelicos Darstellung des Jüngsten Gerichts etwa erscheinen die geöffneten, leeren Gräber als Orte der Übergängigkeit. Georges Didi-Huberman hat darauf hingewiesen, dass im christlichen Bild nicht das Antlitz Christi das radikalste Motiv sei, sondern das leere Grab selbst: ein Zeichen, das gerade durch die Abwesenheit des Körpers seine stärkste Wirkung entfaltet. Die Leere wird zum Platzhalter zwischen zwei Zuständen, zum Bild für das, was sich der Sichtbarkeit entzieht und dennoch Bedeutung erzeugt. In den Lichtvitrinen setzt sich dieses Spannungsfeld zwischen Präsenz und Entzug fort. Das Licht markiert einen Ort, an dem etwas sein könnte, ohne dass es sich tatsächlich materialisiert.
Von diesem Dispositiv des gelenkten Lichts aus entfalten sich die übrigen Arbeiten der Ausstellung als unterschiedliche Variationen eines ähnlichen Bilddenkens. An der Wand hängt eine analog aufgenommene und in der Dunkelkammer entwickelte Fotografie einer Laterna Magica der Brüder Lapierre, hergestellt zwischen etwa 1860 und 1886. Das frühe Projektionsgerät steht am Beginn der Geschichte des bewegten Bildes und verweist auf eine Epoche, in der Licht, Mechanik und Illusion erstmals zu narrativen Räumen verschmolzen. Die Fotografie selbst, als chemisch erzeugtes Lichtbild, verdoppelt diesen historischen Verweis und macht die Apparatur zugleich zum Symbol für die Bedingungen von Sichtbarkeit und Bildproduktion.
Der Film Neuer Realismus führt diese Überlegungen in eine andere zeitliche Schicht. Es zeigt die Skulptur einer Bettelmusikantin von Johann Pichler um 1700. Zu sehen ist eine Frau mit Kropf, in abgetragener Kleidung, die eine Drehleier dicht vor dem Körper hält. Die Figur steht für Armut, Krankheit und zugleich für die erzwungene Präsenz im öffentlichen Raum – eine Lebensrealität vieler Frauen der frühen Neuzeit, die ohne Besitz und soziale Absicherung existieren mussten. Die Materialität der Skulptur – Holz und Elfenbein – trägt dabei eine ambivalente historische Dimension in sich. Während die Darstellung körperliche Not und soziale Marginalisierung ins Bild setzt, verweist das kostbare Elfenbein auf überregionale Handelsverbindungen und globale Zirkulationen von Materialien. In dieser Figur amalgamieren widersprüchliche Bedeutungen: lokale Armut und globale Dekadenz fallen in einem einzigen Objekt zusammen.
Die in der Projektion gezeigte Drehleier findet sich auch als Skulptur im Ausstellungsraum. Sie erzeugt einen gleichförmigen, anhaltenden Ton, der die Projektion wie ein Stummfilm begleitet. Ihr monotoner Klang erinnert an das Instrument als Wander- und Auswandererinstrument. Sie ist laut, mobil, allein spielbar, ein Werkzeug des Überlebens für Menschen ohne festen Ort. Klang und Bild verdichten sich zu einer Erzählung von Bewegung, Entwurzelung und prekären Existenzen, die sich im öffentlichen Raum behaupten müssen um überleben zu können.
VERANSTALTUNGEN WÄHREND DER AUSSTELLUNGSZEIT
FÜHRUNG
16.04.26, 16:00
KURATOR:INNEN FÜHRUNG
MIT SOFIA OHMER & FLORIAN WALDVOGEL
MEHR ERFAHREN
FÜHRUNG
28.05.26, 16:00
KURATOR:INNEN FÜHRUNG
MIT SOFIA OHMER & FLORIAN WALDVOGEL
MEHR ERFAHREN