10.09. - 19.11.2022

THE OTOLITH GROUP

TWO SONIC WORKS

The Otolith Group. The Third Part of the Third Measure, 2017. Film still. Courtesy of The Otolith Group and LUX, London

Foto: Ivan Okello

Foto: Ivan Okello

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Foto: Ivan Okello

Kuratiert von Dr.in Ivana Marjanović

Anlässlich seiner 100. Ausstellung freut sich der Kunstraum Innsbruck, Two Sonic Works, die erste Solo-Show von The Otolith Group in Österreich, zu präsentieren. Two Sonic Works zeigt zwei audiovisuelle Arbeiten von Anjalika Sagar und Kodwo Eshun (The Otolith Group), die eine kritische Auseinandersetzung mit der Ästhetik der Schwarzen Avantgarde in Szene setzen.

Die eindringliche Zwei-Kanal-Videoinstallation The Third Part of the Third Measure (2017) reinterpretiert die ekstatische Musik-Komposition sowie anti-autoritäre Stellungnahmen des afroamerikanischen Komponisten, Dirigenten, Pianisten, Organisten und Vokalisten Julius Eastman. Der Videoessay People To Be Resembling (2012) porträtiert das Post-Free-Jazz-Trio Codona, bekannt für seine Umgestaltungen von Avantgarde-Jazz durch harmonische Traditionen aus Nordamerika, Lateinamerika und Südasien. Mittels einer audiovisuellen Choreografie aus Fotografie, Film und Performance, wird Codonas migrantischer Multiinstrumentalismus im dämmernden Licht der drohenden Auslöschung durch den Kalten Krieg heraufbeschwört.



Inszeniert als eine Performance für zwei Klavierduos, gespielt von Rolf Hind, Siwan Rhys, Zubin Kanga und Eliza McCarthy interpretiert The Third Part of the Third Measure Julius Eastmans ästhetische Politik von einer prospektiven, vorausschauenden Perspektive aus, die das Denken von The Otholith Group auszeichnet. Dante Michaux’ and Elaine Mitcheners Lesung von Eastmans öffentlichen Statement anlässlich seines legendären Konzerts an der Northwestern University im Januar 1980 zeigt, wie sehr Eastmans Theoretisierung der musikalischen Form untrennbar mit seinen politischen Ansichten zur Grundlegung amerikanischer Ökonomie in der Leibeigenschaft, zur Besetzung Afghanistans und Palästinas durch die Sowjetunion und Israel und mit seinem Wunsch nach einer radikalen schwulen Politik der Zukunft verbunden ist. Diese Ansichten wiederum konfrontieren das heutige Publikum und fordern Verständnis für die Implikationen von Eastmans Interventionen in die weißen und Schwarzen Avantgarden der USA für die Kultur des 21. Jahrhunderts. Für Eshun und Sagar, deren Denken durch die Lektüre von Brent Hayes Edwards’ Epistrophies: Jazz and the Literary Imagination (2017) und Fred Motens In the Break: The Aesthetics of the Black Avant-Garde (2003) geprägt ist, kann die Erfahrung beim Ansehen von The Third Part of the Third Measure charakterisiert werden als:

„Zusehen nach dem Prinzip des Zuhörens“, das Herausfordern von politischen Gefühlen der Auflehnung und die kollektive Erschaffung einer Bewegung, die sich dem globalen Kampf gegen neoreaktionären Autoritarismus anschließt. The Third Part of the Third Measure lädt die Zuseher*innen ein, sich einer exemplarischen, ekstatischen Ästhetik Schwarzen Radikalismus auszusetzen, die Eastman selber einmal als „voll von Ehre, Integrität und grenzenloser Courage“ beschrieb.

Die zweite Arbeit, People to be Resembling, zeigt ein experimentelles Porträt des Trios Codona, das 1978 von den afro-amerikanisch, weiß-amerikanischen und afro-brasilianischen Komponisten-Musikern Don Cherry, Collin Walcott und Nana Vasconcelos gegründet wurde. Codona brachte 1978, 1980 und 1982 drei Alben bei Manfred Eichners ECM Records heraus, bevor ihre Zusammenarbeit durch den plötzlichen Tod Walcotts durch einen Verkehrsunfall in Deutschland zu einem abrupten Ende kam. People to be Resembling transferiert die Offenheit von Codonas Experimenten in bewegte Bilder, unbewegte Bilder und bewegte Standbilder, um eine kombinatorische Choreografie zu erzeugen, die die kulturübergreifende Politik der Verbundenheit durch ihre kontinuierlich wechselnden Modalitäten transmedialer Begegnungen evoziert. Mit den Worten von

Sagar und Eshun:

People to be Resembling geht zurück ins Jahr 1978, um den Aufnahmeprozess im Tonstudio Bauer wieder-zu-träumen als eine Meditation über die Beziehungen zwischen visueller Anthropologie, anti-kolonialer Choreografie, nuklearer Auslöschung und Weltmusik. Im Arrangement von Positiv und Negativ durch Farbe und Schwarzweiß und bewegten Bildern, inszeniert The Otolith Groups People to Be Resembling ein Experiment in mnemonischer Kohabitation, inspiriert durch die visionäre Musik Codonas.“

Two Sonic Works erlaubt einen Einblick in die Ästhetik von The Otolith Group durch die Hinwendung zu zwei Arbeiten, in denen die Erfahrung des Sounds als primäres Element, Energie und Umgebung fungiert für das medienübergreifende Zuhören. Jedes Werk ermöglicht auf seine eigene Weise eine flüchtige und intensive Erfahrung der Synergie mit und zwischen Musik, Bild und Performance.

Two Sonic Works lädt das Publikum ein zu einer Face-to-Face-Begegnung mit zwei von vielen Science Fictions der Gegenwart, die Anjalika Sagar und Kodwo Eshun von The Otolith Group in den ersten zwei Dekaden des 21. Jahrhunderts produziert haben. The Otolith Groups Imperativ, die Gegenwart zu science-fictionalisieren, möchte die zeitlichen Erfahrungsstrukuren, die für die differenzierten Zwänge und Nöte der gegenwärtigen kapitalogenen Krise spezifisch sind, erforschen, analysieren, dramatisieren und zuspitzen. Strukturen einer zeitlichen Erfahrung, die Sagar und Eshun als die „zeitlichen Anomalitäten, anthropische Inversionen and synthetische Entfremdung des Posthumanen, Inhumanen und Nichthumanen“ charakterisieren.

Das künstlerische Werk von The Otolith Group wurde jüngst in Einzelausstellungen gezeigt, wie im Van Abbemuseum, Eindhoven (2019), Institute for Contemporary Art Virginia Commonwealth University (2020) und Irish Museum of Modern Art (2022). Dazu kommen zahlreiche Gruppenausstellungen darunter Life Between Islands: Caribbean-British Art 1950s-Now, Tate Britain (2022), Turner’s Modern World, Tate Britain, (2021), Carnegie International, 57th Edition, Pittsburgh, (2019) und bauhaus imaginista, Haus der Kulturen der Welt, Berlin (2018).

Text: Ivana Marjanović

ÜBER DIE IDEE VON THE OTOLITH UND DIE IDEE VON THE GROUP



"This black Hamlet said his name was Otolith meaning a kind of minute calcareous body that makes it possible for a fish to be conscious of its position in space. Under the influence of gravity otoliths will press downward. As the position of the body moves, they will come in contact with sensory hairs in the ampullae, thus causing impulse to be transmitted to the brain by the auditory nerve. Because of the arrangement of the three canals in the three planes of space-from the dorsal part of the vestibule to the utriculus-provision is made for sensation of movements in all directions."

Dambudzo Marachera: The Black Insider, Lawrence & Wishart, London, 1992, S. 75

Wenn Marechera auf die Fähigkeit der Otolithen zur Impulsübertragung hinweist, hebt er deren Fähigkeit hervor, die Hörübertragung über, innerhalb und zwischen den "drei Raumebenen" der Bewegung eines Körpers zu ermöglichen. Marchera weist auf die Art und Weise hin, in der Otolithen innerhalb des sensorischen Apparats operieren, die einem Dornhai oder einem anderen Hai das Bewusstsein von seiner stabilen oder mobilen Position in einem flüssigen Raum von Turbulenzen ermöglicht. Wenn Marecheras namenloser Antagonist im Korridor eines zerstörten, verlassenen Fakultätsgebäudes in einem Kriegsgebiet in der nahen Zukunft beinahe mit Otolith, dem desillusionierten, verwandelten, verdammten "Schwarzen Hamlet" in schwarzem elisabethanischen Kleid, zusammenstößt, inszeniert dieser unerwiderte Zusammenstoß ein dissonantes Zusammentreffen unterschiedlicher, aber nicht notwendigerweise gegensätzlicher Arten, sich im Raum zurechtzufinden, Dimensionen zu ermessen und die Zeit zu verarbeiten.

In der flüchtigen Reibung von Marecheras proleptischer, vorgreifender Begegnung lässt sich eine Allegorie für den Prozess, das Projekt und die Praxis von The Otolith Group herauslesen.

Für Kodwo Eshun und Anjalika Sagar von The Otolith Group fungiert die morphologische Figur des Otolithen als eine Art Black Box für das Zurückhalten von Intentionen, das Einschätzen von Auswirkungen, das Messen von Erwartungen und das Berechnen von Diskrepanzen.

Ein sensorischer Kompass für Orientierungsfallen, angeboten als Einladungen, getarnt als Beteiligung, verkappt als Ermutigung und dargestellt als gemeinschaftlich teilbar.

Ein Flugschreiber, um die Koordinaten upzudaten, die für eine Spekulation über Angelegenheiten von Gravität und Fragen von Anmut, Neigung, Hingabe, Erleuchtung, Numinosität, Kraft, Masse, Maß, Bewegung, Stillstand, Haltung, Stil, Ruhe, Pose, Haltung, Fermata, Zäsur, Zwang, Dauer, Steigerung, Innerlichkeit und Introspektion notwendig sind.

Durch die Verbindung der Idee des Otolithen mit der Idee der Gruppe entsteht eine zusätzliche Lebensform, die auf die Geschichte kollektiver Praktiken anspielt, die von Künstler*innen, die theoretisieren, und Schriftsteller*innen, die Kunst praktizieren, innerhalb und außerhalb der Grenzen des Uneinigen Königreichs erfunden wurden.

Eine Lebensform, die mit der Idee des*der singulären Künstler*in bricht und sich auf die Krise der Autor*innenschaft einstellt, signalisiert durch die Konjunktur kollektiver Produktion.

Die, die sich als interskalares Vehikel versteht, das numerische und statistische Imperative von Berechenbarkeit, Erkennbarkeit und Repräsentiertbarkeit außer Kraft setzt, die von den Institutionen, isomorph geformt nach den Protokollen der Bereichsstudien von globaler Erwärmung kultureller „Forever Wars“, gefordert werden.

Eine Lebensform, die ihre Hingabe an eine Ästhetik abweichender Abstraktion, Science Fiction der Gegenwart, hingebungsvoller Kinematografie, post-kinematischer Schwärze und post-linsen-basierter Plattformismen verkündet.

Eine Lebensform, die sich als intertemporales Tool für die Erforschung von zeitlichen Anomalien, synthetischen Verfremdungen, anthropischen Umkehrungen und die Artifizialisierung von Intelligenz versteht.

The Otolith Group

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