07.12.19-01.02.20

MAY YOUR THUNDER BREAK THE SKY

NAOMI RINCÓN GALLARDO*

Ausstellungsansicht MAY YOUR THUNDER BREAK THE SKY, Kunstraum Innsbruck 2019, Photo: Daniel Jarosch

MÖGE DEIN DONNER DEN HIMMEL ZERREISSEN

Erste Ausstellung kuratiert von der neuen Leiterin des Kunstraum Innsbruck Ivana Marjanović

…Yo te invoco Protectora
Ven en forma de culebra
Que tu trueno el cielo quiebra
Con su fuerza vengadora!

⚡ ⚡ ⚡

…Ich rufe dich an, Beschützerin
Komm zu uns in Gestalt einer Schlange
Möge dein Donner den Himmel zerreißen
Mit seiner rachsüchtigen Kraft!

⚡ ⚡ ⚡

Das Ende des Jahres und der Beginn des nächsten ist eine besondere Zeit, in der Vergangenheit und Zukunft zusammentreffen. Die Ausstellung ist eine Anrufung von Ahnenmächten, sie möchten den Himmel zerreißen, um den Mut jener zu stärken, die das Leben verteidigen gegen einen Krieg, genannt Enteignung. Sie ist ein Appell, den blühenden Planeten (neu) zu erschaffen.

Tauche ein in das traumartige, dekoloniale, feministische Universum von Naomi Rincón Gallardo. Ausgehend von mesoamerikanischen Mythen und Kosmologien, den Kämpfen indigener Frauen um den Erhalt des Landes sowie dem dekolonialen Feminismus und inspiriert von Punk und DIY-Ästhetik sowie mexikanischen Science-Fiction-B-Movies funktionieren Rincón Gallardos Video- und Musikperformances wie spekulative Fiktionen, die dich in eine nicht-lineare Zeit, einen utopischen Raum versetzen.

⚡ ⚡ ⚡

Naomi Rincón Gallardo (geb. 1979) lebt und arbeitet in Mexico City, hält sich zur Zeit jedoch in Wien auf. Ihre forschungsbasierten, raffinierten Arbeiten beschäftigen sich mit Initiativen zur Schaffung von Gegenwelten in neokolonialen Settings. Durch maskierende Linsen erschafft sie einen Ort zwischen radikalen Alternativen, Fantasien und Glaubenskrisen. Sie arbeitet augenblicklich auf ihr Doktorat im Rahmen des PhD-in-Practice-Programms der Akademie der bildenden Künste in Wien hin.


FÜR DETAILLIERTERE INFORMATIONEN LESEN SIE BITTE UNTEN WEITER











⚡ ⚡ ⚡

ÜBER DIE KUNSTWERKE

 
Die Ausstellung präsentiert zwei neue Projekte von Rincón Gallardo: The Formaldehyde Trip (2017) und Opossum Resilience (2019). Die Werke basieren auf den Geschichten von indigenen Aktivistinnen, Geschichten des Kampfes gegen Enteignung in Mexiko. Ihre Kämpfe spielen sich in neo-kolonialen Kontexten ab, in denen multinationale Konzerne, in Zusammenarbeit mit korrupten Regierungen, sich mit Gewalt Land aneignen, um natürliche Ressourcen auszubeuten, was sich nicht nur in direkten Konsequenzen für das Leben der lokalen Bevölkerungen auswirkt, sondern auch auf einer globalen Ebene, da sie den Planeten zerstören. 

Diese heteropatriarchalen extraktivistischen Projekte missachten Kultur, Geschichte, das Wissen um das Leben im Einklang mit und Respekt vor der Natur sowie Erfahrungen mit dem Organisieren von Politik und Gesellschaft auf gemeinschaftliche Art. Die Auseinandersetzungen mit dem rassistischen Kapitalismus und seinen zugehörigen Unterdrückungsmechanismen haben eine lange Geschichte des Widerstands im globalen Süden. Naomi Rincón Gallardo schließt sich mit ihrer Ausstellung diesen widerständischen Stimmen an, indem sie unterschiedliche Weltsichten präsentiert und Zukunftsvisionen inspiriert, in einer Zeit der Glaubenskrisen und ökologischen Katastrophen, getarnt als Entwicklung.  

Die Arbeiten sind inspiriert durch die zapotekische Juristin und Aktivistin Rosalinda Dionisio, die sich an der Verteidigung von Leben und Territorium im Südosten Mexikos beteiligt, und der Mixtec-Umweltaktivistin Bety Cariño (1973-2010), die bei einem paramilitärischen Angriff getötet wurde.

Naomi Rincón Gallardo erschafft fiktive Welten, in denen die Kreisläufe des Lebens und Sterbens sich in überlappenden Zeitspiralen bewegen, wie in der mesoamerikanischen Mythologie suggeriert. Die Dunkelheit der neo-kolonialen Enteignung ist mit der fiktiven utopischen Vision verwoben. Tod, Träume, die Mächte der Nacht, wie Rincón Gallardo sie nennt, arbeiten hier Hand in Hand mit den Mächten des Lichts und des Lebens und revitalisieren uralte nicht-binäre Vorstellungen. Die mesoamerikanische Kosmologie inspiriert auch ihren Zugang zu Geschlechterrollen, in dem Weiblichkeit auch männliche Züge hat und menschliche wie göttliche Geschlechter hybrid und queer sind.  

Die Aktivistinnen, denen Rincón Gallardo ihre Arbeiten widmet, erscheinen in ihren Fiktionen als Charaktere, die von Tiergeistern geleitet und beschützt werden und mit denen (ebenso wie mit uns) sie altes Wissen und natürliche Kräfte teilen. Kriegerinnen, Witwen, Hexen bieten Rituale an, die uns auf dem Weg in den Tod, der Reise in Unterwelten geleiten. Zur selben Zeit feiern sie Rituale des Lebens und der Nächstenliebe.  

Zeitgenössische Geschichten des Widerstands gegen Extraktivismus, mit alten Mythen verwoben, entspinnen sich vor unseren Augen in einer überwältigenden Fantasiewelt der Kopräsenz, in der Tiere, Geister und andere nicht-menschliche Charaktere in reziproker Beziehung zu jenen stehen, die Land und Leben verteidigen. Lokale Mythen verschmelzen mit spekulativer Fiktion und präsentieren damit eine zukünftige alternative, feministische, dekoloniale Politik der Hoffnung.    

⚡ ⚡ ⚡ 

AUSSTELLUNG UND PROGRAMMDETAILS

   
Zusätzlich zu den kurzen Videos und handgefertigten Objekten, die sie begleiten, hat die Künstlerin extra für die Ausstellung im Kunstraum neue Elemente geschaffen. Darüber hinaus wird der Großteil der Lieder und Geschichten in ihren Arbeiten, die im Original hauptsächlich in spanischer Sprache gehalten sind, hier teilweise mit englischen und deutschen Untertiteln, präsentiert. Auf diese Weise sind die Arbeiten auch für lokale und internationale Besucher verständlich. Die zwei Arbeiten sind Teil eines größeren Projekts der Künstlerin und teilen daher gewisse narrative und ästhetische Charakteristika.    

Opossum Resilience wird im Projektraum des Kunstraum Innsbruck gezeigt, d.h. im kleineren Raum, als kompakte Videoinstallation, die dem Publikum eine lineare Geschichte in sechzehn Minuten erzählt. Im großen Ausstellungsraum zeigen wir The Formaldehyde Trip in Form einer dynamischen Präsentation der Arbeit in einer Reihe von getrennten Kapiteln, d. h. kurzen Videos (zwischen drei und fünf Minuten lang), Tonaufnahmen und Objekten. Dank dieser Präsentation wird das Werk von verschiedenen Perspektiven aus zugänglich gemacht.  

The Formaldehyde Trip wird darüber hinaus am 24. Jänner, um 20:00 Uhr, im Café DeCentral (Haller Straße 1) in Form eines performativen Screenings gezeigt. Der Kunstraum Innsbruck nutzt diese Gelegenheit, um seine Räumlichkeiten zu verlassen und so ein breiteres Netzwerk für seine Aktivitäten zu schaffen sowie sein Programm verschiedenen Arten von Publikum an unterschiedlichen Orten zugänglich zu machen. Die Präsentation im Café DeCentral wird in Zusammenarbeit mit der Antidiskriminierungsinitiative D)Ort Das Projekt organisiert und ist rollstuhlgerecht. Am Tag danach, am 25. Jänner, um 17:00 Uhr, folgt ein Künstlerinnengespräch mit Naomi Rincón Gallardo im Kunstraum Innsbruck.  

Die Ausstellung inkludiert auch Führungen sowie einen offenen Lesekreis, bei dem dekoloniale Texte gelesen und diskutiert werden. Daneben wird es am 12. Dezember 2019, von 14:00 bis 15:30 Uhr, ein Begleitprogramm geben: SPIRITUAL GUIDANCE AND PSYCHO-POLITICAL CARD READINGS, eine Eins-zu-eins-Performance von Walter Ego und Gerardo Montes de Oca im Café Arkadenhof (keine Anmeldung erforderlich, im Falle von längeren Wartezeiten kann das Publikum die Ausstellung im Kunstraum Innsbruck besuchen).  

Mit dieser Ausstellung trägt der Kunstraum Innsbruck auch zur Initiative 16 Tage gegen Gewalt gegen Frauen bei, die unter anderen von Frauen*vernetzung für Begegnung und Austausch in Innsbruck organisiert wird.





*Beneficiario del Programa Sistema Nacional de Creadores de Arte 2019-2022 del Fondo Nacional para La Cultura y las Artes

VERANSTALTUNGEN