23.04 – 12.06.2021

COHABITATION

RAUM FÜR ALLE ARTEN. DIE ZUKUNFT ALPINER STÄDTE UND DAS ZUSAMMENLEBEN VON MENSCHEN UND TIEREN

Patrick Bonato, Gina Disobey, Ina Hsu, Roland Maurmair, Nicole Weniger und junge Architekturforscher*innen des studio2 (Daniela Albrecht, Bernd Baumgartner & Daniel Alber, Florian Heinrich & Gabriel Kopriva, Sophia Niederkofler, Franzisca Rainalter, Louisa Sommer, Lara Tutsch & Carina Wissinger)

kuratiert von Ivana Marjanović / Kunstraum Innsbruck. In Kooperation mit Birgit Brauner, Karl-Heinz Machat, Michaela Bstieler und Andreas Oberprantacher / Universität Innsbruck & ARCH+ Zeitschrift für Architektur und Urbanismus / Berlin


„Neue Formen des Zusammenlebens sind bereits Realität.“ Marion von Osten

Städte wurden immer schon auch von Tieren bewohnt, von willkommenen und auch von weniger willkommenen. Das Cohabitation Forschungs- und Ausstellungsprojekt im Kunstraum Innsbruck untersucht den speziellen Kontext alpiner Städte als umstrittenem Lebensraum verschiedener Spezies und als Ausgangspunkt für eine futuristische Vision einer Umgebung, die nicht ausschließlich von Menschen dominiert wird.

Säugetiere, Vögel, Insekten, Reptilien, Pflanzen, Pilze und Mikroben bewohnen den städtischen Raum und sollten daher von einem Gleichgewicht profitieren, das sie auch mitgestalten können, um so den Kreislauf von Leben und Tod aufrecht zu erhalten. Sie wachsen und sterben durch Präsenz, Kooperation, Solidarität und symbiotische Beziehungen.

Künstler*innen und Architekturforscher*innen betrachten im Austausch mit regionalen und internationalen Wissenschafter*innen die laufenden Entwicklungen von menschenzentrierten Umgebungen, indem sie rücksichtslose urbane Entwürfe, menschlichen Exzeptionalismus, ausgrenzende „Sicherheits“-Maßnahmen und die Kommodifizierung der natürlichen Welt kritisch hinterfragen. Sie modellieren und reflektieren eine Reihe von Alternativen, wobei Tiere und nicht-menschliche Organismen als Architekten und urbane Akteure anerkannt werden. Mach mit bei dieser Erkundung!

Die Ausstellung im Kunstraum Innsbruck ist Teil des internationalen Projekts Cohabitation, unter der künstlerischen Leitung von Marion von Osten*, Christian Hiller, Alexandra Nehmer, Anh-Linh Ngo und Peter Spillmann. Cohabitation ist von ARCH+ initiiert und wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Weltweit realisieren internationale Partner*innen, zu denen auch der Kunstraum Innsbruck gehört, lokale Forschungsprojekte, Case Studies und Gestaltungsexperimente. Weitere Formate in Innsbruck, Berlin und anderen Orten finden von Mai 2021 bis März 2022 statt. Eine ARCH+-Publikation wird 2022 erscheinen. Weitere Infos: https://archplus.net/

*Marion von Osten hat das Projekt initiiert. Sie starb in November 2020. Das Projekt ist ihr gewidmet.


Ausstellungsbesuch unter aktuellen Covid-19-Maßnahmen.

HINWEIS: Am 23. April hat der Kunstraum Innsbruck von 15 bis 19 Uhr geöffnet.

ABB.: Sophia Niederkofler, Collage, 2021, Institut für Gestaltung.studio2, Universität Innsbruck



RAUM FÜR FORSCHUNG

Die Ausstellung präsentiert Projekte von lokalen Künstler*innen und jungen Architekturforscher*innen. Sie ist außerdem ein Raum für weitere Forschung und für Austausch, wobei der Projektraum im Kunstraum Innsbruck als Studio genutzt wird, konzipiert und gestaltet als work-in-progress-Installation. Jeden zweiten Freitag von 15:00-18:00 Uhr wird er für neue architektonische, philosophische oder aktivistische Inputs geöffnet. Parallel zur Vorbereitung und während der Ausstellung finden 2020 und 2021 Forschungs- und Gestaltungsseminare am Institut für Philosophie und am Institut für Gestaltung.studio2 (Universität Innsbruck) statt.

FÜR MEHR INFORMATIONEN NACH UNTEN SCROLLEN















Viele Tiere nutzen die Stadt als Wohnraum oder auch als Nahrungsquelle, da sie mehr Möglichkeiten bietet als die freie Wildbahn; einige Arten kooperieren auch miteinander, gelegentlich sogar mit dem Menschen. Andere werden ausgebeutet oder zu Schädlingen erklärt. Als Gäste sind sie in der Stadt nicht willkommen und werden daher vertrieben. Sie kommen aber oft wieder zurück: „almost there, almost gone“. Am Stadtrand und in der Peripherie verwandelt sich die Natur: Wälder werden wirtschaftlich genutzt und dazu reguliert, landwirtschaftliche und touristische Infrastruktur wird erschaffen, um die Natur den fragwürdigen Bedürfnissen der Menschen anzupassen. Im Anthropozän wird Technologie zunehmend zur Manipulation der Umwelt eingesetzt; binäre Gegenüberstellungen von Stadt und Wildnis bzw. von Natur und Kultur sind obsolet geworden. Wie können wir unseren kurzsichtigen Individualismus überwinden und den Raum mit „unwillkommenen Gästen“ teilen? Können wir Architektur als einen Prozess, der inklusive, dynamische und multiple Lebensräume konzipiert, neu überdenken? Wie kann sich das Konzept der Stadt für ausgewiesene „Naturdenkmäler“ von isolierten Bäumen inmitten von Betonglasblöcken und Tiefgaragen zu einem Netzwerk naturnaher Korridore für alle Arten weiterentwickeln? Die Frage der Projektinitiatorin Marion von Osten schwingt in dem Projekt mit: „Können wir uns menschliche Beziehungen auch als Beziehungen mit anderen Arten vorstellen (jenseits der bekannten Konzepte von ökologischer Vielfalt) – als eine Bedingung, ohne die der Mensch letztlich nicht existieren kann?“ In diesem Sinne nutzt das Projekt Cohabitation im Kunstraum Innsbruck das Format der Ausstellung als Erkundungsraum für künstlerische und architektonische Experimente, die kritischen, poetischen, humorvollen, analytischen, imaginären und utopischen Wegen folgen.

Quelle: Marion von Osten, „Taubentürme und Trampelpfade“ (2018) https://fallingwild.org/wp-content/uploads/2019/08/REALTY_Marion_von_Osten_DE.pdf



COHABITATION : KÜNSTLERISCHE INTERVENTIONEN UND VISIONEN

Da die Stadtgrenzen von Innsbruck auch Wälder und sogar Berge umfassen, stellt sich die Frage, wer dort früher gelebt hat, wer ausgestorben ist oder vertrieben wurde und wer irgendwann wieder zurückkehren wird.

Patrick Bonato

präsentiert in seinem work-in-progress-Comic Die Rückkehr der Wölfe in die alpine Kulturlandschaft (2021) basierend auf den wissenschaftlichen Recherchen der Geografin Verena Schröder Beispiele für das Zusammenleben von Wolf und Mensch in der Schweiz und leistet damit einen Beitrag zu einer hitzigen, stark polarisierenden Debatte. Der Comic visualisiert Momente des Kontakts zwischen Wolf und Mensch (Jäger) und übersetzt die Erfahrung einer Begegnung, die beide verändern muss. Einige traditionelle Modelle des Weideschutzes sehen Wölfe nicht unbedingt als Feinde von Hirten und Jägern an. Die Ausrottung von Raubtieren wie Wolf, Luchs und Bär durch Jäger und Landwirte hat ihre Rolle als Bewahrer einer ausgewogenen Population von Wild und domestizierten Tieren überhaupt erst möglich gemacht. Jetzt, da diese Raubtiere in geringer Anzahl in ihre ursprünglichen Lebensräume zurückkehren, scheinen Jäger und Landwirte nur ungern etwas von ihrer erworbenen Kontrollmacht abgeben zu wollen.

Mit der Aktion Wanted (2021) kommentiert auch

Nicole Weniger

die Wolfsdebatte, die derzeit im öffentlichen Raum u. a. mit der Aufstellung von Schildern wie „Wölfe willkommen“ und „Alm ohne Wolf“ geführt wird. Das verachtete Tier ist Objekt der Begierde und des Hasses. Die Künstlerin beschäftigt sich mit Ambivalenzen, Ängsten und Mythen rund um den Wolf und fragt, wer bleiben darf und wer das entscheidet. In Anlehnung an frühere Fahndungsplakate inszeniert sie eine neue Version, die die Absurdität der “Fahndung” nach einem offiziell geschützten Tier zeigt, das gleichzeitig sofort (und illegal) getötet wird, wenn es einmal in Tirol auftaucht.

Der Diskurs über die Sicherheit für Menschen in der Natur hat in den letzten Jahren aber noch absurdere Ausprägungen angenommen. In ihrem Video Markierung (2021) inszeniert Nicole Weniger eine kurze Doku-Fiktion über den Fall einer „Kuhattacke“. Der Protagonist „Schuale“, ein lokaler Künstler und saisonaler Hirte, erzählt, wie er in rechtliche Schwierigkeiten gerät, weil eine seiner Kühe eine Wanderin verletzt hat. Basierend auf realen Ereignissen stellen Videoperformance und die begleitenden Fotografien den übertriebenen Diskurs über Sicherheit in der Natur und ihre Rolle für den lokalen Tourismus auf humorvolle Weise dar.

Weitere Kunstwerke von Nicole Weniger wie das fotografische Duo Almost there, Almost gone (2021) sind poetische Bildreflexionen über die Frage, was in der Natur Bestand hat und was vergänglich ist. Ihre Spuren in der Landschaft verabschieden sich von Text und Sprache als Zeichen der Kontrolle des Menschen über Wälder und Berge, aber auch von der menschlichen Fürsorge. Mit dem Blick auf den immer weniger werdenden Schneefall und die üppigen Welten der symbiotischen Beziehungen von Flechten, in denen sich verschiedene Arten von Pilzen, Algen/Bakterien und Pflanzen gemeinsam entwickeln, stellt Weniger die Sorge um ökologische Ruinen und die Hoffnung auf das Aufblühen des Lebens und die Möglichkeiten der Regeneration einander gegenüber.

Die ausgestellten Kunstwerke von

Roland Maurmair

beschäftigen sich mit der Welt der Vögel. Sie sind gleichzeitig lustige Experimente und kritische Kommentare zum hegemonialen Verhalten von uns Menschen gegenüber anderen Lebewesen. Die Installation Airfield (2021) stellt eine Futterstelle für Singvögel dar. Dem Bild des örtlichen Flughafens nachempfunden, ist diese Vogellandebahn auch als künstlerischer Vorschlag und Aufruf zu verstehen, die Populationen der Vögel zu vermehren (und sie nicht durch die Installation von Attrappen auf Bäumen zu vertreiben). Der Tower, der auch Zubringer ist, beleuchtet mithilfe einer Solarlampe zwei Landebahnen für Maurmairs gefiederte Freunde.

Während ein Flugfeld innerhalb der Ausstellung platziert ist, wird ein zweites im öffentlichen Raum zu besichtigen sein. Falls du die Vögel füttern willst, lege gerne ein paar Körner darauf, aber bitte keine menschliche Nahrung wie Brot. (Die ist für Vögel eher unbekömmlich.)Während Maurmair den Vögeln menschliche Infrastruktur zur Verfügung stellt, bietet er zugleich den Menschen spielerisch die Architektur der Vögel an: Die Installation Singlehit / Garçonnière (2021) ist eine Weiterentwicklung seiner bisherigen Arbeit. Sie besteht aus einem überdimensionalen Vogelnest mit einem terrestrischen Antennenanschluss, der vermeintliche Störsignale aus dem Orbit empfängt. Maurmair bezieht sich dabei direkt auf das Problem der akuten Wohnungsnot in Innsbruck, sowohl für Tiere als auch für Menschen.

Die Ausstellung präsentiert auch den neuen Siebdruck (Kunstraum Innsbruck-Edition) von Roland Maurmair Wälder denen, die drin wohnen (2021), der die aus den Besetzungsbewegungen und der linken Kritik an der Immobilienspekulation stammenden Debatten über Wohnen ironisch in die aktuellen Diskussionen über das Zusammenleben von Tier und Mensch übersetzt. Der Slogan ist eine Anspielung auf Graffitis, die an vielen Gebäuden in Wien zu sehen sind. Für Maurmair sind Waschbären die Anarchisten unter den Tieren, und sein Kunstwerk stellt eine Analogie zu den jungen Aktivist*innen der aktuellen Klimabewegung her.

Das Projekt Through Barriers (2021) ist eine Kooperation von

Gina Disobey & Ina Hsu

. Es besteht aus zwei interaktiven mit Pflanzen bestückten Multimedia-Installationen. Das Publikum ist eingeladen, einzutreten, zu berühren, zu hören und zu fühlen! Die Künstlerinnen hinterfragen lebensfeindliche Architektur: Barrieren schützen uns, geben uns Sicherheit, aber sie sind gleichzeitig Hindernisse, die Unbehagen und Angst verursachen und ein Zusammenleben mit der Natur verhindern. (Man denke nur an die Lärm- und Lichtverschmutzung in den Städten). Menschen vertreiben nicht nur Tiere, sondern auch andere Menschen, indem sie z.B. Obdachlosen, Bettler*innen und armen Stadtbewohner*innen den Zugang zu gewissen Räumen verbieten. In Form eines hängenden Gartens und einer hängenden Kabine fordern die beiden Installationen Breath Through und Break Through dazu auf, kurz innezuhalten, um die eigenen Grenzen und Ängste zu spüren und neu zu überdenken. Wir leben in der Zeit der Pandemie, die für eine begrenzte Zeit die Beziehungen verändert: Menschen, die in ihren Wohnungen (Büros) isoliert sind, wenden sich anderen als menschlichen Kontakten zu.

„Wir haben mit wilden Tieren gelebt, schon immer“, sagt

Ina Hsu

. Ihre fotografischen Schwarz-Weiß-Arbeiten beinhalten zumTeil überdimensionale Zeichnungen von wilden Tieren und Insekten in Kommunikation mit dem Menschen oder in Interaktion mit von Menschen geschaffenen Lebensräumen. Ina Hsu inszeniert neu, was es schon immer gegeben hat: das Zusammenleben von Menschen und Nicht-Menschen. Ausgehend von Feldforschung, Interviews mit Wildtierexperten sowie Personen aus ihrem Umfeld setzt Ina Hsu fort, was einst bei ihr zu Hause als intime, imaginäre, aber auch reale Darstellung des Miteinanders begonnen hat. Die Fotografien, die mit künstlerischen Mitteln Visionen von Nähe erzeugen, zeigen in ihrer verzerrten Präzision kombiniert mit stilisierter digitaler Zeichnung verschiedene Schichten dessen, was die Künstlerin eigentlich als ein „Zuhause“ betrachtet.

Text: Dr.in Ivana Marjanović



COHABITATION: NEW (URBAN) SPACES FOR ALL SPECIES

Architektonische Erkundungen des studio2



„Wer ein Haus baut, tut nur genau das, was die Natur tun würde, wenn sie Häuser sozusagen ‚wachsen‘ ließe.“ Aristoteles

Was verstehen wir unter „Natur“ im Zeitalter des Anthropozän? Wie wollen wir unsere Umwelt zukünftig gestalten? Wie viel Kontrolle sind wir bereit, innerhalb eines Projektes abzugeben? Wie viel Raum sind wir überhaupt bereit abzugeben? Welche unsicheren Terrains wollen wir betreten? Welche Formen des städtischen Wachstums können mehr (Wohn-)Raum für alle Spezies schaffen? Welche neuen (Zwischen-)Räume, abseits der vorherrschenden (kapitalistischen) Verwertungslogik, eröffnen sich?

Diesen Fragen haben sich angehende Architekt*innen am Institut für Gestaltung.studio2 im Rahmen eines Entwurfsstudios im Masterstudium Architektur, geleitet von Birgit Brauner und Karl-Heinz Machat, gestellt.

Ausgangspunkt für die Arbeiten bildeten neben theoretischen Positionen, Recherchen und Feldforschungen zu möglichen Formen von „Natur“ in unserer unmittelbaren Umgebung der Stadtraum von Innsbruck, die eigenen vier Wände und unsere eigene Haut.

Entstanden ist eine Serie von Arbeiten, die von abstrakten räumlichen Spekulationen bis zu konkreten Architekturen reichen und sich unterschiedlichsten Themen widmen: zurückgelassene, magische, körperliche und gezähmte Natur, Parks, Gärten, Hortikultur, Agrikultur, Metabolismus, Body-/ Mind-Enhancement und Freiraum.

Franzisca Rainalter

, Détrompe-l’œil (2021)

Franzisca Rainalter

macht sich auf die Suche nach Zurückgelassenem, Weggeworfenem; nach Spuren natürlicher Prozesse und menschlicher Alltagskultur. Wie Daniel Spoerris Détrompe-l’œils brechen diese Reality Checks mit Sehgewohnheiten und demontieren die Clichés idealisierter Stadtansichten. Sie findet profane Orte und Gegenstände, an denen Mikroben siedeln und für Ab- und Umbau sorgen. Künstliche Riffe, an denen – in einem anderen Maßstab – fassadenkletternde Pflanzen, Innenhofgärten, Insekten und Vögel urbane Ökosysteme etablieren. Objets trouveés aus den Ökosystemen urbaner Naturreste werden von ihr gesammelt und katalogisiert. Es entstehen umfangreiche "Herbarien", in denen sie ihre Funde ordnet, Spezies für Spezies dokumentiert und Verbindungen knüpft. Mit den Mitteln von Zeichnung, Assemblage und Animation werden die Funde neu inszeniert und geschichtet.

Bernd Baumgartner & Daniel Alber

, Supporting Nature (2021)
Werden Bäume gebrechlich, müssen sie früher oder später zum Schutz der Stadtbewohner*innen weichen, selbst wenn ihre „natürliche“ Lebenszeit noch nicht beendet ist. Die zunehmende unterirdische Versiegelung bedrängt ihr Wurzelwerk, die Kommunikation zwischen Bäumen wird unterbrochen, die Nährstoffzufuhr erschwert. Mit ihrem Projekt hinterfragen

Bernd Baumgartner

und

Daniel Alber

die „Rechte von Bäumen“ und entwickeln einen Tree-Cyborg, um die Lebenszeit geschwächter Bäume zu verlängern. Sie inszenieren exemplarisch die Blutbuche vor dem Haus der Musik – ein von Baudenkmälern umgebenes Naturdenkmal an einem geschichtsträchtigen Ort, dessen Schicksal ebenso besiegelt scheint.

Sophia Niederkofler

, Anziehende Natur – Natur zum Überziehen (2021)

Sophia Niederkofler

entdeckt spekulative neue Räume, versteckte Habitate und immaterielle Sphären, die den Menschen umgeben und sein Verhalten zu anderen Spezies beeinflussen. Unsere Umwelt wird dabei aus einer anderen Perspektive betrachtet, Tiere und Pflanzen werden als Architekt*innen unserer räumlichen Umgebung wahrgenommen. Ihr Blick richtet sich auf ein unsichtbares Habitat: die menschliche Haut als Lebensraum für unzählige Mikroorganismen. Der Mensch wird hier nicht als Individuum, sondern als Holobiont betrachtet. Diese Vorstellung einer neuen Beziehung zwischen den Spezies weckt unsere Fantasie und Geschichten oder Szenen aus Kunstwerken – wie in Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch – werden Wirklichkeit. Mikroorganismen werden skaliert, Wildtiere und Menschen verkleinert und der Lebensraum so gestaltet, dass ein anderes Miteinander möglich wird.

Louisa Sommer

, Der ungebetene Gast (2021)
Schimmelpilze, Moose, Flechten oder Algen wachsen unter für sie „idealen“ klimatischen Bedingungen zunächst meist unbemerkt in und an Hauswänden. Zeigen sie sich mit ihrer ganzen Farben- und Formenvielfalt, ist Der ungebetene Gast längst in unser geschütztes Habitat – die menschliche Komfortzone – eingedrungen. In ihrer Arbeit betrachtet

Louisa Sommer

Gebäude von innen wie von außen als Träger für Natur und bricht mit der meist negativen Konnotation dieser Mikroorganismen. Herkömmliche Grenzen werden aufgelöst, der Gastraum als Schwellenraum, Gastlichkeit als Schwellensituation verstanden. Mit Hilfe einer Serie von Collagen setzt Sommers Arbeit sowohl die Trägermaterialien als auch unterschiedliche Erscheinungsformen der Mikroorganismen in Beziehung. Durch Skalierung, Überlagerung und Überzeichnung entstehen in der Folge spekulative Räume für ungebetene Gäste aus der Tier- und Pflanzenwelt, wie Algen, Wespen oder Füchse. Sich auflösende poröse und perforierte Wände bilden Zwischenräume in unterschiedlichen Maßstäben, Nischen für verschiedenste Lebewesen – die Wand selbst wird zum Habitat. Auch der Schimmel findet seinen (Wohn-)Raum, während der Mensch nur Gast ist.

Daniela Albrecht

, Where Doves Cry (2021)
In den Tauben sieht Daniela Albrecht eine Spezies, der kein Platz im Leben der Stadt zugestanden wird. Sie sind überall, gehören aber nirgends dazu. Tauben werden diffamiert und bekämpft. Und an die obersten Ränder der Stadt verdrängt: hinauf unter die Dachvorsprünge, in die Welt der Gesimse und Fassadenreliefs. Albrecht findet Analogien zu Problemen von Jugendlichen, die ebenfalls kaum mehr öffentlichen Raum finden, den sie besetzen können. Räume in der Stadt, die ohne Konsumzwang und ungewidmet zur Verfügung stehen. Sie antwortet mit einer Serie von "Taubenschlägen" in Städten, die entlang einer Nord-Süd-Achse über die Alpen liegen. Diese turmartigen Bauten verbinden urbane Dachlandschaften mit dem Boden, bieten Nischen und Rückzugsmöglichkeiten sowohl für Jugendliche als auch für Tauben – Orte, die beide Spezies willkommen heißen und die neue Co-Existenzen erlauben. Für Innsbruck schlägt Albrecht zwei "Taubenschläge" vor: Im Waltherpark soll sich der introvertiertere befinden, während sie am Marktplatz den extrovertierteren mit Dachterrasse und Lounge platzieren will.

Florian Heinrich & Gabriel Kopriva

, growHAB (2021)
Ein schwebender Landschaftsgarten legt sich über die Stadt, verbindet öffentliche wie halböffentliche Grünräume, schafft Korridore für Tiere, erhöht die urbane Biodiversität und generiert neue Erholungsräume sowie private Außenräume.

Florian Heinrich

und

Gabriel Kopriva

entwickeln eine dreidimensionale künstliche Struktur, die in ihrer Genese wechselseitigen Wachstumsprozessen folgt. Sukzessive nehmen verschiedenste Pflanzen und Tiere die Konstruktion in Beschlag, während diese umgekehrt Bäumen ausweicht, um ihr Wachstum nicht zu beeinträchtigen. Innerhalb der Struktur werden vier ökologische Zonen angelegt, die alle einen Beitrag zur Erhöhung der urbanen Biodiversität leisten: Streuobst-, Mager-, Moor- und Feuchtwiesen sowie Kletter- und Hängepflanzen.

Lara Tutsch & Carina Wissinger

, Eat_Live_Die (2021)
Agrarflächen bilden die größten unversiegelten Freiflächen einer Stadt und dienen als Habitate für viele Arten – zu dieser Feststellung gelangen Lara Tutsch und Carina Wissinger in ihrer Recherche. Sie definieren eine konkrete Projektstrategie: die urbanen Grünflächen zur Verbesserung des städtischen Mikroklimas zu erhalten, zu erweitern und durch Überlagerungen von Nutzungsformen optimal zu nutzen. Die Abstimmung von Agrikultur und Sepulkralkultur bietet Potential für synergetische Kreislaufwirtschaft. Mit Hilfe der alkalischen Hydrolyse (Resomation) lassen sich menschliche Überreste zu Dünger zersetzen. Der Mensch, zu Lebzeiten meist ausschließlich Konsument landwirtschaftlich erzeugter Produkte, stellt sich nach seinem Tod der Agronomie in Form von Dünger zur Verfügung, um die Versorgung nachfolgender Generationen zu sichern. Neue Bestattungsformen fordern auch neue Friedhofskonzepte. Nicht nur die menschlichen Stadtbewohner profitieren: Die Bedürfnisse der tierischen Bewohner sind in den Gestaltungsprozess mit einbezogen, um die Biodiversität zu steigern und Habitate zu bieten.

Text: studio2





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