Mit rund 200 Arbeiten von 59 Künstlern aus 18
Ländern bietet die Ausstellung
The Beauty of Intimacy - Lens and Paper - im Kunstraum
Innsbruck einen internationalen Querschnitt durch das zeitgenössische
Kunstschaffen. Wie schon der Titel verrät, wurden ausschließlich Arbeiten
ausgewählt, die sich unter den Stichworten Lens and Paper
zusammenfassen lassen. Arbeiten auf Papier und solche, die mit Hilfe einer
Linse gemacht wurden, also Fotografien, Videos und Filme. Im Zentrum der
meisten Arbeiten steht der Mensch und damit das Menschenbild, das sowohl in
Porträts wie auch in szenischen Entwürfen immer wieder hinterfragt wird.
Als "Zeitbild" - wenn auch ohne Verbindlichkeit - kann die Schau
gelesen werden, weil alle gezeigten Werke in den vergangenen zwanzig Jahren,
die meisten sogar nach 1990 entstanden sind.
Obwohl selten das explizite Sujet von
Kunstwerken, ist die Zeit auf einer Metaebene implizit stets präsent, als
Zeitgenossenschaft oder historische Verortung ebenso wie als Produktionszeit
oder in den Bildern immanent vorhandener Zeitbegriff. Betrachtet man die
Ausstellung The Beauty of Intimacy - Lens and Paper unter
diesen Aspekten, so eröffnet sich ein Panorama an Zeiteinheiten, die sich
überlagern, widersprechen, aber auch untereinander Interpretationshinweise
liefern. Jedes Werk, sei es statisches Bild oder dynamische Bildfolge,
trägt Zeit in sich. In der Organisation und Reorganisation der inszenierten
Bewegung der Formen steht die Zeit als Produktionsfaktor zwischen Subjekt
(Künstler) und Objekt (Kunstwerk). Direkt übersetzen läßt sich unsere
lineare Zeitauffassung auf die Zeichnungen, in denen sich die dynamische
Bewegung eines Stiftes durch Raum und Zeit auf dem Papier manifestiert.
Dagegen verführt die scheinbare Unmittelbarkeit der Fotos, ihr Wirklichkeitscharakter,
allzuleicht dazu, die Zeitabhängigkeit gerade dieses Mediums zu vergessen.
Nicht nur entscheidet hier die Belichtungszeit maßgeblich über das
Resultat, sondern zumindest die traditionelle, nicht digital manipulierte
Fotografie ist das Medium des Augenblicks schlechthin, der Bildbeweis für
das zeitweilige Vorhandensein des Abgebildeten. Nur selten geht es in den
hier ausgewählten Werken um den richtigen Moment, den Schnappschuß.
Fotokunst, wie sie sich hier präsentiert, ist die Organisation des
Visuellen mit Hilfe der Inszenierung einer Vision. Ob dabei vorhandenes
Bildmaterial refotografiert (Richard Prince), Regie vor der Kamera
geführt (Alicia Framis, Sharon Lockhart) oder das Bild nachträglich
bearbeitet wird (Mariko Mori, Piplotti Rist), ist dabei nur von
sekundärer Bedeutung. Entscheidend ist die Möglichkeit ein Bild zu
entwerfen, Wirklichkeiten zu provozieren, visuell Hypothesen aufzustellen
und diese in die Realzeit einzuspeisen ohne sie darin aufgehen zu lassen.
The Beauty of Intimacy
versammelt Kunstwerke, die einen Gegenentwurf zu den objekt- oder
handlungsbezogenen Bildern darstellen, mit denen die Werbung und die
Unterhaltungsindustrie den Betrachter überfluten. Der Mensch erscheint
nicht als soziales Wesen oder kommunizierendes Subjekt. Gezeigt werden
vereinzelte, isolierte Figuren (Lothar Hempel, Hellen van Meene),
Metamorphosen des Menschlichen (Angus Fairhurst, Fabrice Hybert),
Behausungen der Leere (Rachel Whitread). Wenn überhaupt narrative
Momente aufgegriffen oder Kontexte angeboten werden, so sind diese
widersprüchlich oder zumindest uneindeutig. Gerade in dieser semantischen
Unverbundenheit aber, die als Ergebnis sorgfältiger Konstruktion begriffen
werden muss, liegt die Virulenz und Aktualität der gezeigten Arbeiten. Sie
verweigern sich einer eindeutigen Lesbarkeit, indem sie alle zeitlichen und
räumlichen Orientierungspunkte auf ein Minimum reduzieren und dadurch
bewusst eine Distanz zwischen dem Rezipienten und der abgeschlossenen
Entität des Bildgegenstands aufrechterhalten. Die dadurch ausgelöste
Irritation, der Eindruck, unsichtbarer Betrachter einer intimen Szene zu
sein, die aber gleichzeitig keinerlei Befriedigung des voyeuristischen
Blicks in Aussicht stellt, ist Teil der Strategie der Bilder. Mit ihnen
konfrontiert, gewahrt der auf die Maximierung produktiver Effizienz
ausgerichtete Zeitgenosse das Versagen seiner angelernten
Beurteilungskategorien. Was sich hinter der schützenden zweiten Haut, dem
Image, verbirgt, das durch Haltung, Kleidung, Haarschnitt und Styling der
Dargestellten angedeutet wird, bleibt offen. Das Thema ist nicht die
Sinnsuche des um eine Selbstdefinition bemühten Individuums. Zeitzeugen
sind die Dargestellten vielmehr gerade aufgrund ihrer fast marionettenhaften
Passivität. In sich versunken oder auf ein (wenn auch unbestimmtes)
äußeres Geschehen wartend, scheinen sie aus dem Lauf der Zeit
herausgehoben. Diese Entrücktheit ist ein Aspekt der Beauty of Intimacy,
weil sie scheinbar dem Augenblick Dauer verleiht und damit das inhaltlich
nachvollzieht, was die Künstler auf dem Papier und mit Hilfe der Kamera
Wirklichkeit werden lassen.
Gezeigt werden Arbeiten von:
Eija-Liisa Ahtila, Matthew Antezzo, Carel Balth,
Vanessa Beecroft, Henry Bond, Patrick van Caeckenbergh, Maurizio Cattelan, René
Daniëls, A.K. Dolven, Marlene Dumas, Rineke Dijkstra, Angus Fairhurst, Alicia
Framis, Michel François, Daan van Golden, Douglas Gordon, Peter Halley, Lothar
Hempel, Noritoshi Hirakawa, Damian Hirst, Fabrice Hybert, Sarah Jones, Raoul de
Keyser, Job Koelewijn, Peter Land, Sharon Lockhart, Fabian Marcaccio, Hellen van
Meene, Ulrich Meister, Tatsuo Miyajima, Mariko Mori, Mark Morrisoe, Vik
Muniz,
Shirin Neshat, Chris Ofili, Catherine Opie, Gabriel Orozco, Laura Owens, Jorge Pardo,
Raymond Pettibon, Elisabeth Peyton, Richard Prince, Pipilotti Rist, Sam Samore,
Karin Sander, Anne-Marie Schneider, Collier Schorr, Kiki Smith, Thomas Struth,
Hiroshi Sugimoto, Vibeke Tandberg, Wolfgang Tillmans, Rikrit Tiravanija, Rosemarie
Trockel, Luc Tuymans, M. v. Warmerdam, Gillian Wearing, Rachel Whiteread, Yukinori
Yanagi.
Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit
dem Gemeentemuseum Den Haag und der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, Konzept und
Realisation: Carel Balth. Es liegt ein Katalogbuch mit Texten von Carel
Balth, Hans
Locher und Margrit Brehm auf (ATS 330,- € 24,-)
Kurator: Carel Balth
Sponsoren: Bundeskanzleramt Sektion Kunst, Stadt Innsbruck, Tourismusverband
Innsbruck und seine Feriendörfer, für das BesucherInnenservice Land Tirol. Der
Kunstraum Innsbruck ist Ö1-Club-Partner. - Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit
dem Gemeentemuseum Den Haag und der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.
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