The Invisible Touch
vereint eine internationale Gruppe von Künstlern, für die Kunst sinnliche Kommunikation
bedeutet: neben dem Sehen spielen in deren Werk das Tasten, Riechen, Schmecken und Hören
eine wichtige Rolle. Ungeachtet formaler Unterschiede verfolgen die Künstler dieses
Projekts ein gemeinsames kreatives Ziel: die Suche nach alternativen
Kommunikationsparadigmen unter Einbeziehung aller Sinne.
Durch das Erschließen der Empfindungsebene gelingt es ihnen, zu ihrem Publikum eine
konkretere Beziehung, voll vitaler und individueller Möglichkeiten herzustellen, die das
Potential von Kunst, mehr als lebendige Erfahrung denn als Form mittelbarer Darstellung
wahrgenommen zu werden, in den Vordergrund rückt. Die Künstler dieses Projekts intendieren eine
Abkehr vom ästhetischen Formalismus hin zur Unmittelbarkeit kreativer Erfahrung. Indem
sie die sinnliche Kommunikation über die rhetorische stellen, bildet ihre Kunst nicht nur
einfach ab oder stellt dar, sondern "ist" und "tut". Sie artikuliert
sich als tätig-aktive Realität. Viele dieser Werke streben nach einer flexiblen,
elastischen Verbindung mit unterschiedlichen realen Erfahrungen und Situationen, oder
sogar nach einer Angleichung an diese. Dadurch wird der performative Aspekt der Kunst
erweitert und gleichzeitig die Bindung zwischen Kunst und Leben verstärkt.
The Invisible Touch eröffnet die Möglichkeit, Kunst nicht als einseitigen Gegenstand zu
erfahren oder als auf Erbauung zielenden Effekt, sondern als wechselseitigen und wenig
vorhersehbaren Kommunikationsprozess, der unsere aktive Teilnahme fordert. Die künstlerischen Positionen
dieses Projekts bauen auf die Fähigkeit des Kunstwerks, das Publikum aktiv einzubeziehen.
Diese zeitgenössischen Arbeiten erweitern durch unterschiedliche sinnliche Dialoge unsere
Erfahrung von Kunst als eine über die meist übliche visuelle Wahrnehmung hinausgehende
Interaktion. Hören, tasten, riechen, schmecken und sehen - alle sinnlichen Wahrnehmungen
machen die Realität im Eigentlichen (be)greifbar. Sie drängen uns, mehr zu sein als nur
Betrachter und laden ein, die Art, wie wir die Welt um uns erkennen, durch direktes
Erfahren zu überdenken und neu zu konzipieren.
Die Flut neuer Schlagworte, wie Empfindungsfähigkeit, Subjektivität, Einbeziehung oder
Interaktion, die im Kunstdiskurs der letzten Dekade eine Rolle spielt, verweist auf den
Wunsch, die Beziehung zwischen Kunstausübung und ihrem bedeutsamen Gegenüber - dem
Betrachter - neu zu verorten. Dennoch, nach vielen Diskussionen und folgenden Bemühungen
laufen diese kritischen Maximen Gefahr, zu bloßen Designeretiketten zu verkommen. Es
stellt sich die Frage, ob die Versprechen nach "Grenzüberschreitung",
"Interaktion" und "Einbeziehung" erfüllt werden, oder ob wir in
unterschiedlichen Facetten der Praxis - in der Kunstproduktion, in der öffentlichen
Präsentation und Zurschaustellung von Kunst - doch einen Ansatz von konservativem Zwang
entdecken können, der umso perfider und unerbittlicher ist, als er sich hinter
theoretischen Posen verbirgt, die nichts wahrmachen. Häufig scheint nach wie vor der
Wunsch zu bestehen, Kunst in eine bequeme, nicht bedrohliche "Sicherheitszone"
zu stellen. Indem wir aber solche Prämissen billigen, gestehen wir dem Kunstwerk nur
eingeschränkte Möglichkeiten zu und laufen Gefahr, es zur bloßen Formsache, zu einer mehr oder weniger
determinierten Kulturware zu machen, die kaum Überraschungen oder Provokationen bietet.
Das ist nicht zu verharmlosen. Die Kunstpraxis scheint eine ziemlich vorsichtige Haltung
einzunehmen mit der Gefahr, mehr ergebnisorientiert und immer weniger kontroversiell und
risikofreudig zu werden. Die Tendenz, ein Kunstwerk synthetisch in einen vorgegebenen
Kontext einzupassen, statt es nach außen, nach individuellen Möglichkeiten hin zu
aktivieren, stellt eine Schwierigkeit dar. Anstatt Differenzierung anzuregen, enden
Ausstellungen sehr oft in einer in sich geschlossenen oder enzyklopädischen Darstellung.
Es ist, als ob wir im Kunstschaffen, im Kuratieren und Ausstellen die zugrundeliegende
Theorie verließen und spätmodernistische Strukturen der ästhetischen und konzeptuellen
Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter förderten, die kaum dazu beitragen, die
öffentliche Wahrnehmung von Kunst zu steigern, oder die flüchtigen, nicht greifbaren
Momente kreativer Kommunikation zuzulassen. Zu oft scheint es uns daran gelegen, nicht
Haltungen in Formen umzuwandeln sondern vielmehr Formen in Haltungen.
The Invisible Touch stellt die Frage, wie wir das umkehren können. Als Reaktion auf die
konzeptuellen und ästhetischen Erinnerungsstücke des Modernismus werden sich Künstler
zunehmend der Unzulänglichkeiten des geschützten Umfelds bewusst und suchen nach neuen
Wegen, ihr Publikum einzubeziehen. Die Künstler dieses Projekts versinnlichen Kunst,
indem sie das Reich der Empfindungen erschließen. Sie schlagen sensuelle Modelle kreativer
Kommunikation vor, die die Wahrnehmung beleben und intensivieren sowie die Kommunikation
zwischen Kunstwerk und Betrachter in ein interaktives, zu erforschendes Feld verwandeln.
Das wird zu einer Frage der Neuorientierung - von passiver Rezeption zu einer mehr
forschenden Interaktion. Unterschiedliche Methoden erschließen das Reich der Sinne, um unsere
Wahrnehmung von Kunst zu intensivieren, und um die aktive Teilnahme dieses bedeutsamen
Anderen in der Kunst - des Betrachters - als einen stärker einbezogenen Wahrnehmenden
bzw. Teilhabenden zu erwirken. Immer wieder kehren wir zurück, um diese Kunstwerke in
sinnlich empfindender Weise zu erfahren. Mit Möglichkeiten spielend, fordern sie auf,
berührt, gekostet, gehört und gerochen, sowie betrachtet zu werden. Diese Arbeiten
transportieren uns an Orte, wo unsere Wahrnehmung, unsere Vorstellungskraft und unsere
Sinne eine vielgestaltige Situation entstehen lassen. Sie wollen unsere Wahrnehmung
erschüttern - und genau das gelingt ihnen.
Eine eigene Poetik nimmt in The Invisible Touch Gestalt an. In höchst individuelle
Geschichten verpackt, eröffnen diese Kunstwerke ein expressives Kaleidoskop an sinnlichen
Möglichkeiten, die Ästhetik zu einem mehr existentiellen und persönlichen Begriff
machen. Victor Hugo schrieb "vertrauen bedeutet manchmal loslassen" - sich der Kunst anzuvertrauen,
ist heute vielleicht eine Frage des Loslassens, des Aufgebens ästhetischer Paradigmen und
des Erweiterns unserer Wahrnehmungsschemata in Richtung offener Dialoge.
Empfindungsfähigkeit ist ein Weg dorthin. The Invisible Touch offeriert
sinnlich-schöpferische Kommunikation als eine neue Form der Wirklichkeitskonstruktion.
Um einen direkteren Kontakt zur Öffentlichkeit herzustellen, verbindet das Projekt
Situationen innerhalb und außerhalb des Ausstellungsraumes und bedient sich
unterschiedlicher Medien. Der Kunstraum lädt ein, die Kunstwerke über Interaktion oder
direkte Partizipation zu erfahren und wird im Zuge dieses Prozesses seinerseits
resensibilisiert.
Text: Maia Damianovic (Kuratorin der Ausstellung) |
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