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The Invisible Touch
unsichtbar wahrnehmbar

22. Januar - 25. März 2000
The Invisible Touch vereint eine internationale Gruppe von Künstlern, für die Kunst sinnliche Kommunikation bedeutet: neben dem Sehen spielen in deren Werk das Tasten, Riechen, Schmecken und Hören eine wichtige Rolle. Ungeachtet formaler Unterschiede verfolgen die Künstler dieses Projekts ein gemeinsames kreatives Ziel: die Suche nach alternativen Kommunikationsparadigmen unter Einbeziehung aller Sinne.

Durch das Erschließen der Empfindungsebene gelingt es ihnen, zu ihrem Publikum eine konkretere Beziehung, voll vitaler und individueller Möglichkeiten herzustellen, die das Potential von Kunst, mehr als lebendige Erfahrung denn als Form mittelbarer Darstellung wahrgenommen zu werden, in den Vordergrund rückt. Die Künstler dieses Projekts intendieren eine Abkehr vom ästhetischen Formalismus hin zur Unmittelbarkeit kreativer Erfahrung. Indem sie die sinnliche Kommunikation über die rhetorische stellen, bildet ihre Kunst nicht nur einfach ab oder stellt dar, sondern "ist" und "tut". Sie artikuliert sich als tätig-aktive Realität. Viele dieser Werke streben nach einer flexiblen, elastischen Verbindung mit unterschiedlichen realen Erfahrungen und Situationen, oder sogar nach einer Angleichung an diese. Dadurch wird der performative Aspekt der Kunst erweitert und gleichzeitig die Bindung zwischen Kunst und Leben verstärkt.

The Invisible Touch eröffnet die Möglichkeit, Kunst nicht als einseitigen Gegenstand zu erfahren oder als auf Erbauung zielenden Effekt, sondern als wechselseitigen und wenig vorhersehbaren Kommunikationsprozess, der unsere aktive Teilnahme fordert. Die künstlerischen Positionen dieses Projekts bauen auf die Fähigkeit des Kunstwerks, das Publikum aktiv einzubeziehen. Diese zeitgenössischen Arbeiten erweitern durch unterschiedliche sinnliche Dialoge unsere Erfahrung von Kunst als eine über die meist übliche visuelle Wahrnehmung hinausgehende Interaktion. Hören, tasten, riechen, schmecken und sehen - alle sinnlichen Wahrnehmungen machen die Realität im Eigentlichen (be)greifbar. Sie drängen uns, mehr zu sein als nur Betrachter und laden ein, die Art, wie wir die Welt um uns erkennen, durch direktes Erfahren zu überdenken und neu zu konzipieren.

Die Flut neuer Schlagworte, wie Empfindungsfähigkeit, Subjektivität, Einbeziehung oder Interaktion, die im Kunstdiskurs der letzten Dekade eine Rolle spielt, verweist auf den Wunsch, die Beziehung zwischen Kunstausübung und ihrem bedeutsamen Gegenüber - dem Betrachter - neu zu verorten. Dennoch, nach vielen Diskussionen und folgenden Bemühungen laufen diese kritischen Maximen Gefahr, zu bloßen Designeretiketten zu verkommen. Es stellt sich die Frage, ob die Versprechen nach "Grenzüberschreitung", "Interaktion" und "Einbeziehung" erfüllt werden, oder ob wir in unterschiedlichen Facetten der Praxis - in der Kunstproduktion, in der öffentlichen Präsentation und Zurschaustellung von Kunst - doch einen Ansatz von konservativem Zwang entdecken können, der umso perfider und unerbittlicher ist, als er sich hinter theoretischen Posen verbirgt, die nichts wahrmachen. Häufig scheint nach wie vor der Wunsch zu bestehen, Kunst in eine bequeme, nicht bedrohliche "Sicherheitszone" zu stellen. Indem wir aber solche Prämissen billigen, gestehen wir dem Kunstwerk nur eingeschränkte Möglichkeiten zu und laufen Gefahr, es zur bloßen Formsache, zu einer mehr oder weniger determinierten Kulturware zu machen, die kaum Überraschungen oder Provokationen bietet.

Das ist nicht zu verharmlosen. Die Kunstpraxis scheint eine ziemlich vorsichtige Haltung einzunehmen mit der Gefahr, mehr ergebnisorientiert und immer weniger kontroversiell und risikofreudig zu werden. Die Tendenz, ein Kunstwerk synthetisch in einen vorgegebenen Kontext einzupassen, statt es nach außen, nach individuellen Möglichkeiten hin zu aktivieren, stellt eine Schwierigkeit dar. Anstatt Differenzierung anzuregen, enden Ausstellungen sehr oft in einer in sich geschlossenen oder enzyklopädischen Darstellung. Es ist, als ob wir im Kunstschaffen, im Kuratieren und Ausstellen die zugrundeliegende Theorie verließen und spätmodernistische Strukturen der ästhetischen und konzeptuellen Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter förderten, die kaum dazu beitragen, die öffentliche Wahrnehmung von Kunst zu steigern, oder die flüchtigen, nicht greifbaren Momente kreativer Kommunikation zuzulassen. Zu oft scheint es uns daran gelegen, nicht Haltungen in Formen umzuwandeln sondern vielmehr Formen in Haltungen.

The Invisible Touch stellt die Frage, wie wir das umkehren können. Als Reaktion auf die konzeptuellen und ästhetischen Erinnerungsstücke des Modernismus werden sich Künstler zunehmend der Unzulänglichkeiten des geschützten Umfelds bewusst und suchen nach neuen Wegen, ihr Publikum einzubeziehen. Die Künstler dieses Projekts versinnlichen Kunst, indem sie das Reich der Empfindungen erschließen. Sie schlagen sensuelle Modelle kreativer Kommunikation vor, die die Wahrnehmung beleben und intensivieren sowie die Kommunikation zwischen Kunstwerk und Betrachter in ein interaktives, zu erforschendes Feld verwandeln. Das wird zu einer Frage der Neuorientierung - von passiver Rezeption zu einer mehr forschenden Interaktion. Unterschiedliche Methoden erschließen das Reich der Sinne, um unsere Wahrnehmung von Kunst zu intensivieren, und um die aktive Teilnahme dieses bedeutsamen Anderen in der Kunst - des Betrachters - als einen stärker einbezogenen Wahrnehmenden bzw. Teilhabenden zu erwirken. Immer wieder kehren wir zurück, um diese Kunstwerke in sinnlich empfindender Weise zu erfahren. Mit Möglichkeiten spielend, fordern sie auf, berührt, gekostet, gehört und gerochen, sowie betrachtet zu werden. Diese Arbeiten transportieren uns an Orte, wo unsere Wahrnehmung, unsere Vorstellungskraft und unsere Sinne eine vielgestaltige Situation entstehen lassen. Sie wollen unsere Wahrnehmung erschüttern - und genau das gelingt ihnen.

Eine eigene Poetik nimmt in The Invisible Touch Gestalt an. In höchst individuelle Geschichten verpackt, eröffnen diese Kunstwerke ein expressives Kaleidoskop an sinnlichen Möglichkeiten, die Ästhetik zu einem mehr existentiellen und persönlichen Begriff machen. Victor Hugo schrieb "vertrauen bedeutet manchmal loslassen" - sich der Kunst anzuvertrauen, ist heute vielleicht eine Frage des Loslassens, des Aufgebens ästhetischer Paradigmen und des Erweiterns unserer Wahrnehmungsschemata in Richtung offener Dialoge. Empfindungsfähigkeit ist ein Weg dorthin. The Invisible Touch offeriert sinnlich-schöpferische Kommunikation als eine neue Form der Wirklichkeitskonstruktion.

Um einen direkteren Kontakt zur Öffentlichkeit herzustellen, verbindet das Projekt Situationen innerhalb und außerhalb des Ausstellungsraumes und bedient sich unterschiedlicher Medien. Der Kunstraum lädt ein, die Kunstwerke über Interaktion oder direkte Partizipation zu erfahren und wird im Zuge dieses Prozesses seinerseits resensibilisiert.

Text: Maia Damianovic (Kuratorin der Ausstellung)
 
Texte und Informationen zu den einzelnen Künstlern und ihren
Arbeiten für The Invisible Touch sowie zahlreiche in-situ-Fotos
finden Sie hier!
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