KUNSTRAUM INNSBRUCK
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Eine Ausstellung zur Zeit

2. Oktober - 31. Dezember 1999
Stunden, Minuten, Sekunden. So verinnt die Zeit. Fast immer wird sie objektiv und subjektiv unterschiedlich wahrgenommen. Philosophisch gesehen läßt sie sich definieren als das unumkehrbare Verhältnis des Nacheinanders, durch das Erfahrung möglich wird. Psychologisch bedeutet Zeit das im menschlichen Bewußtsein verschieden erlebte Vergehen von Gegenwart zu Vergangenheit sowie von erwarteter Zukunft zu Gegenwart.

Es war der Film, durch den die Geschwindigkeit in die Bilder kam und unsere Wahrnehmung radikal veränderte. Sie lernten laufen, erst langsam und dann immer schneller, bis sie sich selbst zu überholen drohten. Und es scheint ausgerechnet wieder das Medium Film zu sein, dessen sich die Künstler heute, in einer Zeit der grenzenlosen Bildüberflutung, bedienen, um der fortschreitenden Beschleunigung der Bilder Einhalt zu gebieten und das "Ende der Geschwindigkeit" vorzubereiten. "Als Vorboten eines möglicherweise gesamtgesellschaftlichen Bedürfnisses drosseln sie das Tempo hin bis zur Realzeit, nehmen sich die Zeit für die tatsächliche Zeit des Lebens da draußen" (Boris Groys), entdecken die Langsamkeit und wecken so ein neues Bewußtsein für die Zeit, die die Zeit braucht, um zu vergehen bzw. voranzuschreiten. Wie lang ist eine Sekunde, wie lang eine Minute, wie lang kann eine Stunde sein? Mit der Erwartung der Zeit ist die des Wartens als eine existenzielle Grunderfahrung des Menschen verbunden, das Warten darauf, daß etwas passiert.

Die Ausstellung im KUNSTRAUM INNSBRUCK versammelt künstlerische und filmische Beiträge, Film- und Videomaterialien, die dieses Empfinden, diese Auseinandersetzung mit Zeit spürbar werden lassen und uns gleichzeitig die Investition der Zeit abfordern - wollte man tatsächlich alle ausgestellten Arbeiten in voller Länge sehen, müßte man mehr als einen ganzen lieben langen Tag dort verbringen. Als eine der kostbarsten Ressourcen unseres modernen Lebens wird dem Besucher dafür wohl nicht genügend Zeit zur Verfügung stehen. Indem sich die Ausstellung damit bewußt der üblichen Verweildauer in Ausstellungen entzieht, unterstreicht sie zugleich das künstlerische Anliegen, der Kunst eine Ausdehnung in der Zeit zu erobern, die sie im klassischen Sinne nicht hat.

Fred Zinnemanns berühmter Western-Klassiker von 1952, "High Noon" (Zwölf Uhr Mittags) mit Gary Cooper und Grace Kelly gehört zu den ersten Spielfilmen der Filmgeschichte, dessen Handlung (fast) in Realzeit abläuft, in dem die Handlungsdauer der Filmdauer nahezu entspricht, wie man auf immer eingeblendeten Uhren beobachten kann.

In ihrem "Kanalvideo" zeigen die Schweizer Peter Fischli und David Weiss Aufnahmen, die mit Hilfe einer mobilen Kamera in einem dunklen Kanalsystem gemacht worden sind, ein übliches Mittel zur Kontrolle. Wie eine rasante Fahrt durch einen imaginären "Time Tunnel", wie ein Sog durch die vorwärts- oder rückwärtsgespulte Zeit, wirken die Aufnahmen, die dem Betrachter ein subjektives Gefühl für die Geschwindigkeit der Zeit vermitteln.

Der schottische Künstler Douglas Gordon greift in seinem Werk "Bootleg Empire" Andy Warhols berühmte "Hommage an die Zeit" auf, einen Film, in dem er Stunden lang ohne Unterbrechung die Kamera starr auf das New York Empire State Building richtet. Als Hommage an dieses Werk und an einen Künstler, für den das Thema Zeit immer eine große Rolle spielte, richtet Gordon nun seine Kamera auf dessen Film.

Die Hamburger Künstlerin Pia Greschner arbeitet mit der Verlangsamung der Zeit. Sie zeigt drei Filme, alle drei im bläulichen Licht der Dämmerung gedreht. "Blue Hour 1-3" zeigt "Personen in gewöhnlichen Situationen, die durch leichte Zeitlupe und Licht intensiviert werden. Diese Dehnung und Subjektivierung der Zeit machen aus einem Moment ein Ereignis", so die Künstlerin selbst.

Der inzwischen verstorbene englische Filmemacher Derek Jarman schafft es, durch Monochromie der Farbe Blau, die er in seinem Film "Blue" über 74 Minuten in Kombination mit einem eindringlichen Kommentar zeigt, das innere Bild von der Zeit, ihre eigentlich unfaßbaren Dimensionen von Ewigkeit und Vergänglichkeit wachzurufen.

Die Videoarbeit "Pit Music" des Dänen Joachim Koester über eine vernissagenartige Konzertaufführung spielt mit der Differenz zwischen musikalischer Komposition und ihrer dokumentarischen Aufzeichnung: Die Musik, die während des gesamten Videos hindurch läuft, ist mit dem gezeigten Bild nicht immer synchron. Gerade durch dieses Spiel zwischen den verschiedenen Zeitebenen verschiebt sich das Szenario: Das abwartende, fast gelangweilt wirkende Publikum wird zum eigentlichen Hauptdarsteller.

Mit der Kamera fahren die Holländer Jeroen de Rijke und Willem de Rooij in ihrem 16mm-Film "I’m coming home in Forty Days" an einem imposanten Eisberg, einem eindrucksvollen Monument eingefrorener Zeit, entlang. Seine stereometrischen Grundformen erscheinen im Wechsel der Lichtperspektiven immer wieder anders. Eine präzise, tiefsinnige Arbeit über die Erfahrung der Zeit als Ewigkeit in den Momenten der ästhetischen Erfahrung.

Der Schweizer Beat Streuli ist ein Flaneur und Beobachter, der Menschen im Spannungsfeld der Öffentlichkeit - auf den Straßen und Boulevards -beobachtet. Dabei vergeht die Zeit, dem Müßiggang auf der einen Seite wird das hektische Leben auf der anderen Seite gegenübergestellt. So auch in seinem Video "Allen Street", in dem er den Müßiggang, die vermeintlich sinnlose "Vergeudung" von Zeit, kultiviert.

Die in Köln lebende Künstlerin Rosemarie Trockel zeigt in ihrem "Wollfilm", wie langsam, aber sicher ein Wollpullover aufgetrennt wird, indem an dem einen entscheidenden Faden gezogen wird. Mit gespannter Erwartung sieht man dem Ende, der Bloßstellung des nackten Oberkörpers, entgegen.


Ergänzend zu diesen Arbeiten in der Ausstellung werden im Cinematograph/Leokino die drei folgenden Filme gezeigt:

Sleep von Andy Warhol (27.11. - 18.00 Uhr Cinematograph)

16mm, 6 h, S/W, stumm, 1963.
Der Film besteht aus 10 Minuten Teilen, die jeweils zweimal wiederholt werden und einen schlafenden Mann zeigen. Die Kamera richtet sich auf verschiedene Teile des Körpers.

"Es fing damit an, daß jemand schlief, und dann wurde es einfach länger. Ich habe tatsächlich all die Stunden für diesen Film gedreht, aber ich habe den endgültigen Film ein bißchen frisiert, um eine bessere Linie zu bekommen."
Andy Warhol (Tonbandaufnahme, Oktober 1965)

High Noon von Fred Zinnemann (21.10., 28.10. - 22.00 Uhr Leokino 2)

Blue von Derek Jarman (10.12., 11.12. - 22.00 Uhr Leokino 2)
 
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