Stunden, Minuten,
Sekunden. So verinnt die Zeit. Fast immer wird sie objektiv und subjektiv
unterschiedlich wahrgenommen. Philosophisch gesehen läßt sie sich definieren als das
unumkehrbare Verhältnis des Nacheinanders, durch das Erfahrung möglich wird.
Psychologisch bedeutet Zeit das im menschlichen Bewußtsein verschieden erlebte Vergehen
von Gegenwart zu Vergangenheit sowie von erwarteter Zukunft zu Gegenwart.
Es war der Film, durch den die Geschwindigkeit in die Bilder kam und unsere
Wahrnehmung radikal veränderte. Sie lernten laufen, erst langsam und dann immer schneller,
bis sie sich selbst zu überholen drohten. Und es scheint ausgerechnet wieder das Medium
Film zu sein, dessen sich die Künstler heute, in einer Zeit der grenzenlosen
Bildüberflutung, bedienen, um der fortschreitenden Beschleunigung der Bilder Einhalt zu gebieten und das
"Ende der Geschwindigkeit" vorzubereiten. "Als Vorboten eines
möglicherweise gesamtgesellschaftlichen Bedürfnisses drosseln sie das Tempo hin bis zur Realzeit, nehmen sich
die Zeit für die tatsächliche Zeit des Lebens da draußen" (Boris
Groys), entdecken
die Langsamkeit und wecken so ein neues Bewußtsein für die Zeit, die die Zeit braucht, um zu
vergehen bzw. voranzuschreiten. Wie lang ist eine Sekunde, wie lang eine Minute, wie lang
kann eine Stunde sein? Mit der Erwartung der Zeit ist die des Wartens als eine
existenzielle Grunderfahrung des Menschen verbunden, das Warten darauf, daß etwas passiert.
Die Ausstellung im KUNSTRAUM INNSBRUCK versammelt künstlerische und filmische
Beiträge, Film- und Videomaterialien, die dieses Empfinden, diese Auseinandersetzung mit
Zeit spürbar werden lassen und uns gleichzeitig die Investition der Zeit abfordern -
wollte man tatsächlich alle ausgestellten Arbeiten in voller Länge sehen, müßte man mehr als
einen ganzen lieben langen Tag dort verbringen. Als eine der kostbarsten Ressourcen unseres
modernen Lebens wird dem Besucher dafür wohl nicht genügend Zeit zur Verfügung stehen.
Indem sich die Ausstellung damit bewußt der üblichen Verweildauer in Ausstellungen
entzieht, unterstreicht sie zugleich das künstlerische Anliegen, der Kunst eine
Ausdehnung in der Zeit zu erobern, die sie im klassischen Sinne nicht hat.
Fred Zinnemanns berühmter Western-Klassiker von 1952, "High Noon"
(Zwölf Uhr Mittags) mit Gary Cooper und Grace Kelly gehört zu den ersten Spielfilmen der Filmgeschichte,
dessen Handlung (fast) in Realzeit abläuft, in dem die Handlungsdauer der Filmdauer
nahezu entspricht, wie man auf immer eingeblendeten Uhren beobachten kann.
In ihrem "Kanalvideo" zeigen die Schweizer Peter Fischli und David Weiss
Aufnahmen, die mit Hilfe einer mobilen Kamera in einem dunklen Kanalsystem gemacht worden sind,
ein übliches Mittel zur Kontrolle. Wie eine rasante Fahrt durch einen imaginären
"Time Tunnel", wie ein Sog durch die vorwärts- oder rückwärtsgespulte Zeit,
wirken die Aufnahmen, die dem Betrachter ein subjektives Gefühl für die Geschwindigkeit der Zeit
vermitteln.
Der schottische Künstler Douglas Gordon greift in seinem Werk "Bootleg
Empire" Andy Warhols berühmte "Hommage an die Zeit" auf, einen Film, in dem er Stunden lang
ohne Unterbrechung die Kamera starr auf das New York Empire State Building richtet. Als
Hommage an dieses Werk und an einen Künstler, für den das Thema Zeit immer eine
große Rolle spielte, richtet Gordon nun seine Kamera auf dessen Film.
Die Hamburger Künstlerin Pia Greschner arbeitet mit der Verlangsamung der Zeit.
Sie zeigt drei Filme, alle drei im bläulichen Licht der Dämmerung gedreht. "Blue Hour
1-3" zeigt "Personen in gewöhnlichen Situationen, die durch leichte Zeitlupe und Licht
intensiviert werden. Diese Dehnung und Subjektivierung der Zeit machen aus einem Moment ein
Ereignis", so die Künstlerin selbst.
Der inzwischen verstorbene englische Filmemacher Derek Jarman schafft es, durch
Monochromie der Farbe Blau, die er in seinem Film "Blue" über 74 Minuten in
Kombination mit einem eindringlichen Kommentar zeigt, das innere Bild von der Zeit, ihre eigentlich
unfaßbaren Dimensionen von Ewigkeit und Vergänglichkeit wachzurufen.
Die Videoarbeit "Pit Music" des Dänen Joachim Koester über eine
vernissagenartige Konzertaufführung spielt mit der Differenz zwischen musikalischer Komposition und ihrer
dokumentarischen Aufzeichnung: Die Musik, die während des gesamten Videos hindurch
läuft, ist mit dem gezeigten Bild nicht immer synchron. Gerade durch dieses Spiel
zwischen den verschiedenen Zeitebenen verschiebt sich das Szenario: Das abwartende, fast
gelangweilt wirkende Publikum wird zum eigentlichen Hauptdarsteller.
Mit der Kamera fahren die Holländer Jeroen de Rijke und Willem de Rooij in ihrem
16mm-Film "Im coming home in Forty Days" an einem imposanten Eisberg,
einem eindrucksvollen Monument eingefrorener Zeit, entlang. Seine stereometrischen
Grundformen erscheinen im Wechsel der Lichtperspektiven immer wieder anders. Eine präzise,
tiefsinnige Arbeit über die Erfahrung der Zeit als Ewigkeit in den Momenten der
ästhetischen Erfahrung.
Der Schweizer Beat Streuli ist ein Flaneur und Beobachter, der Menschen im
Spannungsfeld der Öffentlichkeit - auf den Straßen und Boulevards -beobachtet. Dabei vergeht die
Zeit, dem Müßiggang auf der einen Seite wird das hektische Leben auf der anderen Seite
gegenübergestellt. So auch in seinem Video "Allen Street", in dem er den
Müßiggang, die vermeintlich sinnlose "Vergeudung" von Zeit, kultiviert.
Die in Köln lebende Künstlerin Rosemarie Trockel zeigt in ihrem
"Wollfilm", wie langsam, aber sicher ein Wollpullover aufgetrennt wird, indem an dem einen entscheidenden Faden
gezogen wird. Mit gespannter Erwartung sieht man dem Ende, der Bloßstellung des nackten
Oberkörpers, entgegen.
Ergänzend zu diesen Arbeiten in der Ausstellung werden im Cinematograph/Leokino
die drei folgenden Filme gezeigt:
Sleep von Andy Warhol (27.11. - 18.00 Uhr Cinematograph)
16mm, 6 h, S/W, stumm, 1963.
Der Film besteht aus 10 Minuten Teilen, die jeweils zweimal wiederholt werden und einen
schlafenden Mann zeigen. Die Kamera richtet sich auf verschiedene Teile des Körpers.
"Es fing damit an, daß jemand schlief, und dann wurde es einfach länger. Ich
habe tatsächlich all die Stunden für diesen Film gedreht, aber ich habe den endgültigen Film
ein bißchen frisiert, um eine bessere Linie zu bekommen."
Andy Warhol (Tonbandaufnahme, Oktober 1965)
High Noon von Fred Zinnemann (21.10., 28.10. - 22.00 Uhr Leokino 2)
Blue von Derek Jarman (10.12., 11.12. - 22.00 Uhr Leokino 2) |
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