Der KUNSTRAUM
INNSBRUCK hat seit seiner Gründung 1996 unter anderem eine Reihe lose
aufeinanderfolgender Ausstellungen unter dem Titel "Zeitschnitt" gezeigt.
Eingeladene Kuratoren aus fünf europäischen Ländern konzipierten, basierend auf ihrem
besonderen Wissensstand zur aktuellsten Kunst ihres kulturellen Umfeldes, Ausstellungen,
die deutlich machten, wie sehr die aktuelle künstlerische Produktion von einem bestimmten
kulturellen Umfeld geprägt und im internationalen Kontext vernetzt ist. Die Reihe
"Zeitschnitt" gewährte Einblick in die junge und aktuelle Kunstproduktion aus
weitgehend ähnlichen, miteinander verwandten und verknüpften Systemen der westlichen
Wohlstandsgesellschaft, welche insgesamt unter marktwirtschaftlichem und demokratischem
Vorzeichen stehen.
Der Abschluss dieser Reihe mit der Ausstellung "Cuba - Landkarten der
Sehnsucht" eröffnet die Möglichkeit, das ausgelegte Bild mit der Darstellung
einer aktuellen künstlerischen Produktion zu ergänzen, die durch ein grundsätzlich
anderes ökonomisches, politisches und soziokulturelles Umfeld bedingt und motiviert ist.
"In Kuba regiert nicht das Cool der befriedeten urbanen Kunstszenen der "Ersten
Welt", sondern das Hot eines Landes, das von Krisen und spirituellen Defiziten
geschüttelt wird und verzweifelt um eine Zukunftsperspektive ringt. Darum ist die durch
die kubanische Situation bestimmte Gegenwartskunst selbst in ihren abstraktesten
Manifestationen agitatorisch, engagiert und von Teilhabe- und Kommunikationslust
besessen." (Gerald Matt)
Das durch diese Ausstellung erweiterte Gesamtbild erlaubt damit einen völlig anderen
Blick auf das aktuelle internationale Kunstschaffen.
"Los Mapas del deseo" (Landkarten der Sehnsucht) von Carlos
Garaicoa, die Arbeit
die der Ausstellung den Titel gab, bündelt viele der Motivstränge der kubanischen
Gegenwartskunst und spielt damit auf den Umgang mit für Kuba charakteristische
Ambivalenzen an. Der Exilautor Guillermo Cabera Infante hat Kuba einmal als "eine
Insel der Zweideutigkeiten" bezeichnet. Kuba ist eine Symbiose afrikanischer,
europäischer und asiatischer Kultur, ein Land zwischen sozialistischer Utopie und
wirtschaftlicher Isolation, eine Insel mit einem von Hassliebe gezeichneten Verhältnis
zum "amerikanischen Traum".
Die Ausstellung vermittelt, wie allgemeingültige Themen von gegenwärtiger
gesellschaftlicher Relevanz in der spezifischen, aus dem Kontext heraus zu klärenden
Situation Kubas von Künstlern, die in Kuba leben, ihr Land verlassen haben oder mit einem
deutlichen Hintergrund zur kubanischen Kultur außerhalb Kubas geboren wurden,
aufgegriffen und verdichtet werden. So entstehen Blicke von Kuba und auf Kuba aus inneren
und äußeren Perspektiven. Diese sind gekennzeichnet durch eine Vielzahl sich
überlagernder und sich verschiebender Schichten zwischen Traum, Ideologie, Erotik,
Nostalgie, Freiheit, Regression und Verbundensein, die sich zu dem gemeinsamen Thema
"Sehnsucht" verdichten.
Im Spannungsfeld zwischen "Untergrund-Kultur" und
Emigration einerseits und einer wachsenden internationalen Nachfrage und damit
"Kosmopolitisierung" andererseits ist die kubanische Kunst zunehmend
vieldeutiger geworden, ohne ihr traditionelles Gefühl für das Chronikhafte aufzugeben.
Über das Metaphorische definiert sich der Zugang kubanischer Künstler zur Geschichte,
zeigt sich ihre Beziehung zu Randbereichen der gesellschaftlichen Wirklichkeit sowie die
Art und Weise, der institutionellen Kontrolle auszuweichen.
So stellt sich der Blick von und auf Kuba auch als ein Blick
zwischen wechselnden Realitäten dar: Eduardo Aparicio versammelt in einer
Fotoserie Bilder von Havanna und Miami, die den beiden Städten nur schwer eindeutig
zuzuordnen sind, bewegen sie sich doch zwischen den Extremen einer Kultur, die durch die
Entwicklungen der letzten vierzig Jahre auseinandergerissen wurden. Kcho verwendet
in seinen Installationen Autoreifen oder Boote, beides Hinweise auf Mobilität und deren
Grenzen. Als bewegende Reflexionen über seinen Status als Emigrant und Homosexueller mit
Anspielungen auf sein persönliches Leben können Ernesto Pujols Installationen
gelesen werden. Manuel Piñas fotografischer Blick führt hinaus über die Mauern
des Malecón auf das Meer, einen Ort der Träume, aber auch einen Ort der Leere. Der
Voyeurismus, der Abigaíl González` Fotografien innewohnt ist auch ein
provokativer Kommentar jenes spionierenden indiskreten Blickes, mit dem die soziale und
institutionelle Kontrolle in private Räume eindringt. Marta María Pérez Bravo
arbeitet in ihren "Selbstportraits" mit dem Universum der volkstümlichen
Religiosität. Ihr eigener Körper wird zum rituellen Objekt, das kollektives
Bewusstsein
und individuelle Hoffnungen vereint. Auch Ana Mendietas ging bei der Suche nach
ihrem ethno-kulturellem Erbe vom weiblichen Körper aus. Tania Brugueras Werk taucht
in die inhaltlichen und ästhetischen Erfahrungen Mendietas ein und setzt diese Suche
fort. Ihre Performances behandeln die enge Beziehung zwischen dem weiblichen Körper und
der kubanischen Erde und sind Methaphern für Tod und Wiedergeburt. Félix Gonzalez
Torres ist in der Ausstellung mit einem konzeptuellen Selbstportrait vertreten. Mit
der Installation "Los mapas del deseo", einer autobiographischen Notiz verbindet
Carlos Garaicoa den Glauben mit dem Begehren, dem Streben nach Eroberung.
Elisabeth
Thoman-Oberhofer |
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