Insight Out Landschaft und
Interieur als Themen zeitgenössischer Photographie ist die zehnte
Ausstellung des Kunstraums Innsbruck und gleichzeitig die erste, die sich ausschließlich
der Photographie als künstlerischem Medium widmet. Von den ersten programmatischen
Planungen an war es dem Kunstraum Innsbruck ein Anliegen, die Photographie als
künstlerische Ausdrucksform entsprechend ihrem besonderen, in den letzten zehn Jahren
deutlich gestiegenen Stellenwert in der Gegenwartskunst zu reflektieren. Die dreißig in
dieser Ausstellung vertretenen Künstler breiten einen vielfältigen Fächer von
künstlerischen Ansätzen aus, die in der aktuellen Kunst relevant sind. In
vorangegangenen Ausstellungen zeigten wir bereits einige hervorragende Positionen
künstlerischer Photographie, wie etwa in den fünf Ausstellungen der Reihe Zeitschnitt.
Künstler setzten hier Photographie häufig gemeinsam mit anderen visuellen oder
akustischen Medien ein, so Voebe de Gruyter und Wouter van Riessen in der Ausstellung tussen
de mazen oder Sarah Lucas und Hermione Wiltshire in New Art From Britain. Den
selbstverständlichen Zugriff auf Photographie als Ausdrucks- und Gestaltungsmittel in der
aktuellen Kunst ließ besonders deutlich die Ausstellung El punto ciego. Spanische
Kunst der 90er erkennen. Dort werden verschiedenste Möglichkeiten des Mediums
Photographie genutzt: das Einfrieren von heftigen rhythmischen Bewegungen wie dies
Itziar Okariz mit ihren Videostills zu Red Light tut; das Versprechen eines
Panoramas, das sich aber als Sicht auf absolute Leere erweist wie in Montserrat
Sotos Arbeit Ausblick, oder das Selbstporträt, wie es der Künstler Pep Agut
einsetzt, indem er sich dem Betrachter als Magier präsentiert. Rineke Dijkstra und Albert
van Westing (tussen de mazen) verwenden Photographie als künstlerisches
Hauptmedium mit klassischen Themen wie dem Porträt oder der belebten Szene. Für Craig
Wood und Catherine Yass ist die Photographie geeignetes Ausgangsmedium zur Verfremdung und
Stilisierung oder zur inszenierten Selbstdarstellung.
Willie Doherty war in der Ausstellung New Art From Britain mit der
Videoarbeit Blackspot vertreten. Zur hier vorliegenden Publikation und Ausstellung
scheint uns sein Beitrag wieder ganz wesentlich und unverzichtbar. Auch von Axel Hütte
zeigt der Kunstraum Innsbruck nun zum zweiten Mal Arbeiten. Seine Gruppe von fünf großen
Photographien (Oberalp I und II 1994, Oberalp 1996, Parnassos I und II
1996 und Hüfigletscher 1996), Simone Niewegs Landschafts-Serie, sowie Olaf
Nicolais installativer Beitrag mit Photolichtkästen Nach der Natur 1997 bildeten
Eckpfeiler der Ausstellung Landschaft. Die Spur des Sublimen, an der auch Marina
Abramovic, Michael Biberstein, Hamish Fulton, Franz Gertsch vertreten waren.
Immer noch ist die Photographie das Medium, das der
Wirklichkeit am nächsten ist. Die Entstehung einer Photographie ist in jedem Fall durch
eine bestimmte Wirklichkeit bedingt. Das Verhältnis von Realität und Photographie, von
durch Lichteinfall visuell Wahrnehmbarem und dem mehr oder weniger kurzen Augenblick, in
dem dieses Licht (der Wirklichkeit) seinen Abdruck auf der lichtempfindlichen Fläche des
Films hinterläßt, hat sich seit den Anfängen der Photographie Mitte des 19.
Jahrhunderts nicht verändert. Radikal verändert haben sich jedoch die Realität und die
Photographie selbst.
Die Wahrnehmung der Wirklichkeit des zu Ende gehenden 20.
Jahrhunderts verarbeitet einen Quantensprung wissenschaftlichen Erkenntniszuwachses. Die
Dingwelten und Räume verändern sich permanent mit ihrer wechselnden Funktion und Nutzung
und durch die Beherrschung des sie erhellenden Lichtes von draußen und drinnen.
Landschaft und Erdatmosphäre werden durch vielfältigste zivilisatorische Betätigung
stärker verändert als je zuvor. Das photographische Wissen und die technische
Entwicklung der Photographie halten Schritt mit diesen Veränderungen, ja erlauben sogar
vollständige Umformung fertiger Abbilder von Realität, um eine Wirklichkeit zu
suggerieren, die künstlich geschaffen ist. Künstler, die sich der Photographie als
künstlerisches Medium bedienen, gestalten nicht nur mit den Möglichkeiten des Mediums:
sie greifen auch in die Realität ein, arrangieren, beleuchten, bauen, kreieren sie neu
um sie dann photographisch abzubilden. Die Ausstellung und die nun hier vorliegende
Publikation Insight Out Landschaft und Interieur als Themen
zeitgenössischer Photographie zeigen ein Spektrum internationaler
Künstlerpositionen, die sich mit dem Thema Landschaft und Interieur als vorgefundene,
gestaltete oder manipulierte Wirklichkeit und der fokussierenden, auswählenden,
akzentuierenden oder verfremdenden Abbildung auseinandersetzen. Der Übergang zwischen
Realität und Fiktion ist gleitend in der Wirklichkeit ebenso wie in der
Photographie.
Ein Ausstellungprojekt zeitgenössischer Photographie, das
sich mit dem bewegten Objekt und dem Menschenbild befaßt, ist eine Aufgabe für die
Zukunft. Mit viel Vergnügen und Freude ist die Arbeit an der Ausstellung Insight Out
Landschaft und Interieur als Themen zeitgenössischer Photographie im engen
Dialog zwischen der Kuratorin Barbara Hofmann und uns, dem kleinen Team vom Kunstraum
Innsbruck, geleistet worden. Barbara Hofmann gilt ein ganz spezieller Dank für die
überzeugende Konzeption der Ausstellung und die bereichernde Zusammenarbeit bei allen
Schritten der Entwicklung und Umsetzung der Ausstellung. Besonderer Dank gilt den
Künstlern für ihre interessierte und aktive Teilnahme, allen Leihgebern und Galerien,
sowie allen unterstützenden Institutionen und privaten Sponsoren.
Elisabeth
Thoman-Oberhofer |
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Landschaft und
Interieur als Themen zeitgenössischer Photographie
Daß die
Photographie obschon ihrer scheinbar objektiv bildlichen Aussagekraft stets einen
subjektiv erfaßten Ausschnitt, eine subjektive Interpretation der Realität betrifft,
beschrieb schon Susan Sontag in ihrem bekannten Essay zur Photographie. Bei ihr heißt es,
daß «(...) die Photographen bei der Entscheidung, wie ein Bild aussehen sollte, bei der
Bevorzugung einer von mehreren Aufnahmen ihrem Gegenstand stets bestimmte Maßstäbe
aufzwingen». Damit spricht sie gestalterische Prinzipien an, die künstlerische
Möglichkeiten im Umgang mit dem Medium indirekt einschließen. In ihrem Essay führt sie
dies noch weiter aus: «Auch wenn es in gewisser Hinsicht zutrifft, daß die Kamera die
Realität einfängt und nicht nur interpretiert, sind Photos doch genauso eine
Interpretation der Welt wie Gemälde und Zeichnungen».
Innerhalb der zeitgenössischen Kunst nimmt die Photographie
mittlerweile einen repräsentativen Stellenwert ein. Die ästhetischen und thematischen
Ansätze sind künstlerisch weitläufig und werden mittels ihrer im Hinblick auf
bildnerische und kulturelle Aussagemöglichkeiten visualisiert. Auch virtuelle,
computergenerierte oder die (Bild-)Realität als fiktive Modellkonstruktionen zitierende
Bildkonzepte werden als bewußtes Hinterfragen der dokumentarischen Fähigkeiten der
Photographie mehr und mehr eingesetzt. Auch die bereits vorhandene Bilderflut der
photographisch reproduzierten Bilder fließt bei einigen Künstlern in die Konzeption
ihrer Arbeit mit ein.
Vor allem der künstlerische Umgang mit der
Photographie der vergangenen Jahre nimmt hierbei die Themen Landschaft und Innenraum
häufig zum inhaltlichen Ausgangspunkt ihrer bildnerischen Ansätze. Angesichts der
Vielzahl der Künstler, die sich diesen Themen mit unterschiedlichen Fragestellungen
zuwenden, könnte man fast sagen, daß sie wesentliche Motivbereiche heutiger Photokunst
besetzen und damit Gattungen als kunsthistorisches Bezugssystem in der Kunst der
Gegenwart doch eigentlich in den Hintergrund gedrängt unter neuen Vorzeichen zur
Diskussion stellen. In einer exemplarischen Übersicht zeigt die Ausstellung Insight
Out Landschaft und Interieur als Themen zeitgenössischer Photographie
Positionen zeitgenössischer Photographie zu diesen Motivfeldern.
Sie erweitert damit den Ansatz verschiedener
Ausstellungsprojekte der jüngeren Vergangenheit, die unter ähnlichen Vorzeichen sowohl
Aspekte heutiger Photokunst wie auch der innovativen Bezugnahme auf Traditionen der
Photographie- und Kunstgeschichte vorstellten.
Sich als Künstler bei der Motivwahl seiner Arbeiten
auf die Pole Außenraum und Innenraum zu konzentrieren und dabei Landschaft und Interieur
auszuwählen, heißt allgemein gesprochen, sich mit den vielfältigen Aspekten einer
näheren und weiteren Umgebung zu beschäftigen. Im Hinblick auf die Bewegung des Menschen
im Raum dokumentiert sich hierin ein phänomenologisches Interesse an der Schilderung der
äußeren Realität; dies geschieht sowohl in der Nahsicht auf innenräumliche Umgebung,
wie auch in der Fernsicht auf die nach wie vor bedeutungsvolle, wenn auch distanzierter
gesehene Landschaft als Kultur- und Naturraum, der gemäß eines aktuellen
Zeitbewußtseins reflektiert erscheint. Die Auswahl der hier nun zusammengeführten
Künstlerpositionen belegt einerseits die vielfältigen gestalterischen Möglichkeiten,
mit denen heute das Medium Photographie genutzt wird und dokumentiert andererseits
Anbindungen an historische Bildtraditionen der Landschafts-, Natur-, Interieur- und
Stillebendarstellung unter neuen Vorzeichen.
Im Bereich der Landschaftsthematik gilt dies
beispielsweise für den niederländischen Künstler Jan Koster, der mit seinen zeitlich
notierten und als Einzelbilder collagierten Bildpanoramen niederländischer Landschaften
an die Tradition des niederländischen Landschaftsbildes anknüpft, um hier zu einer
eigenständigen aktuellen Bezugnahme zu gelangen. Aspekte der Erfahrung
naturwissenschaftlicher und topographischer Beobachtung verschmelzen mit der Tradition der
Landschaftsdarstellung, die in der nahen Umgebung die Schönheit der kultivierten Natur
als Bildthema entdeckte.
Auch der in Düsseldorf lebende Elger Esser setzt
sich bei seinen großformatigen Landschaftsbildern mit den Bildtraditionen der Seestücke
und Veduten unter neuen Vorzeichen auseinander. Im Vergleich zu den historischen
Vorbildern im Bereich der Malerei und auch den Reisephotographien des 19. Jahrhunderts
haben seine Arbeiten jedoch nicht mehr die Aufgabe, als Städte- und Reisebilder
Bilddokumente zu liefern, sondern erfassen den eigentlich unspektakulären
Landschaftsausschnitt in einem chromatisch verschmolzenen Gesamtton.
Zur Motivation, sich innerhalb der Photographie
Bildgattungen zuzuwenden, hat sich der in der Ausstellung mit der Arbeit Universität
Bochum vertretene Photokünstler Andreas Gursky einmal in einem Interview geäußert.
Hierbei liefert er gleichzeitig die Kriterien zu einer zeitgemäß künstlerischen
Bewertung: «Ich werde oft gefragt, ob ich bewußt das Themenrepertoire der Genremalerei
aufgreife und in photographische Bilder umsetze. Es gibt bei mir keinen konzeptionellen
Entschluß, so vorzugehen, ich halte es jedoch nicht für einen Zufall, daß über
Jahrhunderte immer wieder ähnliche Bildvorstellungen in der Kunstgeschichte auftauchen.
Es gibt offensichtlich eine gemeinsame, allen Menschen verständliche Sprache des
Unbewußten, die man Sprache der Bilder nennen könnte. Die Gefahr einer tautologischen
Aussage wäre gegeben, wenn der Künstler das Bestehende bildhaft bestätigt und eine
Abstrahierung des Faktischen auf eine höhere Ebene nicht glücken würde. Wäre das
photographische Abbild nicht mehr als die Summe seiner einzelnen Teile, hätten wir es
natürlich immer mit einem reproduktiven Abbild zu tun. Mir geht es bei meinen Bildern
aber stets darum, daß ihr tatsächlicher Bedeutungszusammenhang unklar bleibt.»
Die Photoarbeit Universität Bochum
abstrahiert das Faktische des Universitätscampus auf verschiedene Weise und umschließt
die Themen Landschaft und Interieur im ästhetisch autonomen Zusammenspiel. Die als offene
Überdachung konzipierte moderne Beton- und Stahlkonstruktion verweist baldachinartig auf
zeitgenössische Strukturen der Architektur. In Form eines Universitätsgebäudes
vergegenwärtigt sie das Thema Interieur repräsentativ im Sinne eines kulturellen
Gedächtnisses. Ein Aspekt, der auch in den Photoarbeiten Candida Höfers mit Interieurs
von Universitäten und Museen zutage tritt.
Andererseits stellt der Durchblick auf die Umgebung
bei Gurskys Photoarbeit die Verbindung zu dem Thema Landschaft als kulturell geprägtem
Außenraum her. Die großformatige, an malerische Bildtraditionen erinnernde
Tableaupräsentation stellt das Bild in den Kontext einer künstlerischen
Auseinandersetzung, die eben ein Teil jener Abstrahierung ist, von der Gursky in seinem
Interview spricht und die auch bei anderen Künstlern der Ausstellung zu einem formalen
Element der Präsentation wird.
Neben den strukturellen, perspektivisch kompositionellen und dem
farblich nicht durch Lichteffekte dramatisierten nüchternen Gesamtton der Arbeit,
vollzieht sich bei Gursky eine Auseinandersetzung mit dem Sujet kulturell geprägter
Architektur in der Landschaft aus einem neutralisierenden Zeitbezug heraus. Die
Piktogramme am Betonpfeiler erinnern auf unspektakuläre Weise an heutige städtische
Lebensformen.
Auch der amerikanische Konzeptkünstler Dan Graham
setzt sich seit Ende der 60er Jahre mit Architekturtypologien auseinander, die urban
zivilisatorische Muster als soziologisch strukturelles Landschaftsbild kreieren. Seine
Systematiken von Architektur-Gegenüberstellungen stellen eine offene, sich stets
erweiternde Werkgruppe dar. Die zweiteilige Arbeit View Interior, New Highway
Restaurant, Jersey City, NY aus dem Jahr 1967, dokumentiert am Beispiel eines typisch
amerikanischen Burgerrestaurants das Zusammenspiel von technisch geprägter Landschaft und
modernem, industriell gepägtem Interieur als Ausdruck zeitgenössischer Lebensformen.
Läßt der erste Bildteil über einen langgezogenen Tisch mit Barhockern den Durchblick
auf eine Industrielandschaft zu, so zeigt der zweite Teil eine amerikanische Familie, die
nun den Ausblick auf die Industrielandschaft von einer anderen Perspektive mit dem Rücken
zum Betrachter auf den Barhockern «genießt».
Innerhalb der Kunstgeschichte repräsentieren die
Themen Landschaft und Interieur die Entwicklung des selbstbewußten, Raum erforschenden
und alltägliche Zusammenhänge wahrnehmenden Individuums im kulturellen Zusammenhang. Die
Photoarbeit Dan Grahams scheint wie eine Ironie der Bildtraditionen, wo sich die
Darstellung der Landschaft als symbolischer Illusions- und Interpretationsraum, als
Projektionsfläche der menschlichen Seele im kosmologischen und kulturellen Zusammenhang
zwar schon in der christlichen Ikonographie, in der Renaissance und dem Klassizismus
wiederspiegelte, sich als autonomes Thema dann aber erst in der Romantik ausprägte. Wie
die Personen der Wanderer in den Bildern Caspar David Friedrichs durch Rückenansicht den
Betrachter in den offenen Horizont führen, platziert sich die Familie bei Dan Graham
statisch in der industrialisierten Umgebung der Moderne und hält andere Aussichten als
idealisierte Naturlandschaften bereit.
Landschaft als bildnerisches Thema bezieht sich
heute im Bereich der Photographie nicht mehr so sehr auf eine romantisierende Einheit von
Mensch und Natur, sondern stellt sich im Zeitalter urban geprägter
Spätindustrialisierung nüchterner und relativierender, wenngleich auch ästhetisch
sinnlich dar. Auf der Basis kritischer Zeiterfahrung scheinen heute Bildkonzepte möglich,
die die Landschaft anschaulich vergegenwärtigen ohne dabei ökologisches Bewußtsein und
kritische Aspekte vordergründig anzusprechen. Die Bildstrategien der Photographie
beziehen sich dabei bewußt auf Aspekte des schönen, bisweilen kitschig idealisierten
Natureindrucks. Thomas Struths Blumenbilder, die subjektiv geprägten Landschafts- und
Raumansichten Jack Piersons und auch die überbelichtet milchigen Arbeiten des Schweden
Mikael Olsson spielen mit unprätentiöser Poesie auf Bildmotive alltäglich idealisierter
und massenhaft reproduzierter Naturthemen an, wovon sie sich durch bildnerische Nuancen
des Unperfekten distanzieren.
Hierfür sprechen auch die Bergwelten, die
Walter Niedermayr in seinen Arbeiten thematisiert. Das Erlebnis ihrer Natur ist immer noch
beeindruckend; es erscheint aber durch Tourismus, Liftstationen bis hin zu
Straßenschildern bereits pervertiert. Natur als Landschaft ist ein kulturelles Artefakt,
eine Konstruktion und Fiktion, die von der Imagination menschlicher Werte lebt.
Der Niederländer Edwin Zwakman setzt seine Arbeit dort an, wo die
falschen Fährten digitaler Bildbearbeitung bei der Konstruktion eines photographischen
Bildes von der Welt real erscheinen und dennoch bewußt als Illusionsräume angelegt sind.
Die großformatigen Photoarbeiten zitieren landschaftliche und zivilisatorische
Zusammenhänge in freier Form und basieren als optische Täuschung eigentlich auf im
Atelier gebauten Miniatur-Modellen.
Auch Dieter Hubers Landschaften entspringen
virtuellen Computerphantasien. Ihnen liegen photographisch erfaßte, reale
Landschaftsausschnitte zugrunde, die sich als virtuelle Manipulationen zu neuen
Landschaften, Kontinenten und Vegetationszonen verbinden und so die Idee der idealisierten
Landschaft in Anspielung auf die heutige Gen-Technologie als «Klone» mit neuen Mitteln
aufgreifen. Sofern hier offene Horizonte die Landschaft umgeben, folgt die Bildthematik
experimentellen, imaginären Utopien, die mehr an touristische Erfahrungen exotischer
Landschaften erinnern, als eine verinnerlichte Schau der Landschaft als «Kosmos der
Seele» bedeuten.
In der Romantik war der Horizont noch Sinnbild der schöpferischen
Unendlichkeit und Idealisierung der Landschaft, die das innere Ich im Außenraum
spiegelte. Heute fällt er bei den photographischen Annäherungen an das Thema häufig
weg. Sowohl Günther Förgs Seestück wie auch die neuere Arbeit der isländischen
Landschaft Myvatn von Axel Hütte belegen dies.
Axel Hütte, der in seinen früheren Arbeiten stets
die Dualität von Kultur- und Naturraum im Nebeneinander von Architekturelementen in der
Landschaft vorstellte, nimmt hier jede kulturell determinierte Strukturierung zurück und
wählt den Ausschnitt einer von gräulichem Gesamtton bedeckten und von Nebelschleier
umgebenen isländischen Landschaft als Bildsujet. Lapidar erscheint hier die Landschaft
fernab von einer farblichen Verführung, fernab vom Faszinosum der Erhabenheit; vielmehr
gewinnt die Photoarbeit ihre Anziehung durch ein Bild der Landschaft, das im
unspektakulär Horizontlosen, Rudimentären und farblich Neutralen seine bildnerische
Aussagekraft erhält. Island ist als Landschaftsmotiv in der Photographie der
Gegenwartskunst häufiger zu sehen. Auch Betsy Green, die in der Ausstellung mit kleineren
Arbeiten zum Thema vertreten ist, kann hier genannt werden.
Wie schon Andreas Gursky, Candida Höfer und
Axel Hütte, gehört auch Boris Becker der mittlerweile renommierten Gruppe der sachlich
dokumentarisch orientierten Sehweise der Becher-Schule an. Horizontlos wählt Becker bei
seinen nicht weiter lokalisierten Landschaftsbildern aus der Werkgruppe der Felder
landwirtschaftlich geprägte Ausschnitte zum Bildgegenstand, die abstrahierend, sich
weitgehend auf sich selbst und ihre strukturellen oder farblichen Qualitäten beziehen.
«Im Unterschied zur klassischen Form des Landschaftsbildes befindet
sich der Blick in diesen Photographien jedoch unter dem Horizont, so daß der Betrachter
kein Zentrum, keinen festen Anhaltspunkt vorfindet, an dem er sich gegenüber der Natur
orientieren könnte. In der von kompositionellen Zwängen befreiten Bildform des Allover
erfährt sich der Betrachter vielmehr in der Natur.»
Der Außenraum als Landschaft findet im
Interieurbild ein auf den Innenraum bezogenes Genre-Pendant. Als Bildthema brachte der
Innenraum in der Blütezeit des niederländischen Interieurbildes nicht nur
selbstgenügsam die sinnliche Darstellung des Alltagslebens zur Darstellung, sondern war
im räumlichen Gefüge auch ausgerichtet auf die Außenwelt, die symbolisch und
allegorisch herauszulesen war. Die Repräsentation des Dinglichen im Kontext des
Traditionellen lieferte hier stets auch Verweise auf den kulturellen und sozialen
Zusammenhang und die menschlich innere Gestimmtheit der Szenerie. Als Thema innerhalb der
Photographie unseres Jahrhunderts spielte das Interieur beispielsweise in der sachlichen
Photographie bei Albert-Renger Patzsch eine Rolle. In «(...) seinem auf exakte
Formwiedergabe abzielenden Aufnahmestil» (M. Bieger-Thielemann) dokumentierte er seit den
20er Jahren unseres Jahrhunderts vor allem Industrieräume. Wenn sich heute Künstler im
Bereich der Photographie dem Thema der Raumdarstellung zuwenden, dann ist vor allem ein
Zusammenspiel von soziokulturellen Bezügen und banalisierten Nebensächlichkeiten
ablesbar.
Candida Höfers perspektivisch nicht auf einen
zentralen Blickwinkel hin ausgerichtete Photoarbeiten öffentlicher Räume leben von dem
mehrschichtigen Wechselspiel kultureller Aura und nebensächlicher Details, die einer
alltäglich praktischen Dingwelt entspringen. Der besondere Lichteinfall ihrer Arbeiten
ruft darüber hinaus eine Aura des Zeitlosen hervor.
Katharina Bosses Interieurs der Werkgruppe von aussen/von innen
zeigen hingegen Räume alltäglicher Ästhetik und Zweckbezogenheit. Nüchtern und kühl
stellen sie öffentliche Räume vor. «Sie erzählen», wie die Künstlerin selbst
formuliert, «(...) von den in Design und Stil ausdrückbaren kollektiven
Werten/Sehnsüchten unserer Zeit», sowie von dem «(...) Verfangensein des Einzelnen in
der von ihm wahrgenommenen Welt, einer Unmöglichkeit, aus dem Inneren das Äußere zu
begreifen», jedoch auch nicht «(...) Inneres und Äußeres voneinander trennen zu
können».
Die Schwedin Miriam Bäckström abstrahiert
die Idee des Interieurs als künstlerisches Konstrukt, indem sie die Relativität der
Wahrheit von Film-Bauten zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit macht. Auch Matthias Hochs
Innenräume technischer Bestimmung betonen strukturelle und farbliche Eigenheiten der
Räume mehr unter malerischen Gesichtspunkten als im Sinne eines Architekturdokuments.
So reichen die hier zusammengeführten Interieurdarstellungen im
Bereich der Photographie von einer perspektivisch und ästhetisch gelenkten Gesamtsicht
auf meist menschenleere Raumzusammenhänge, die mitunter auch eine Öffnung zum Außenraum
sichtbar werden lassen, bis hin zu detailorientierten Wahrnehmungsfeldern, die die Dinge
aus ihrem gewohnten Zusammenhang isolieren, um sie ästhetisch zu abstrahieren und damit
ungewohnt zu akzentuieren.
Exemplarisch hierfür sind auch die Anfang der 90er Jahre
entstandenen Photoarbeiten Jörg Sasses von Raumdetails, während er in seinen aktuellen
Arbeiten Aspekten ästhetischer Fragestellungen innerhalb meist großformatig
aufgelöster, digital bearbeiteter Photos nachgeht; so läßt er das «Universum der
technischen Bilder», wie es Vilém Flusser einmal beschrieben hat, unterschiedlich in
seine Bildkonzepte einfließen.
Die Moderne des 20. Jahrhunderts hat den
alltäglichen Gegenstand im künstlerischen Kontext verschiedenen Strategien unterworfen,
um ihn entweder ironisch gestaltungswürdig erscheinen zu lassen oder mit seiner Hilfe im
Kunstraum zynisch das System der Kunst selbst zu diskutieren. Innerhalb der Photographie
gewinnt die Nebensächlichkeit des dinglichen Details so wie sie von einigen
Künstlern in der gestalterischen Nahsicht vom bloßen singulären Gegenstand bis zur
Neuordnung der Dinge innerhalb räumlicher Interieurs gesehen wird neue Bedeutung.
Die virtuellen Raumkompositionen Lois Renners, im Atelier aus
Modellen maßstäblicher Kombinationen von realen Materialien und Gegenständen
zusammengefügt, lassen Grundlagen der Komposition im ästhetisch bildnerischen Gefüge
erkennen und stellen abstrahierend Raumvariablen dar, die in entfernter, zweidimensionaler
Weise an die Merz-Bauten von Kurt Schwitters erinnern. Sie bewegen sich im inneren Kontext
der Kunst, wo Christopher Mullers Photoarbeiten von Aufreihungen banaler
Alltagsgegenstände als neue Form der Stillebendarstellung ebenfalls anzusiedeln sind.
Die Italienerin Alessandra Tesi findet
belanglose Details in Räumen, die vor allem farblich geprägt sind. Ausschnitte auf
Banalitäten wie in der Arbeit Rosa H L I ein um eine rosafarbene Raumecke
geführtes Wasserrohr, oder in Leicester G 2 die grüne Wandbemalung eines
Treppenhauses scheinen einem alltäglichen Bedürfnis der Gestaltung entsprungen zu
sein. In fokussierender Nahsicht, skulptural und vor allem farblich abstrakt, visualisiert
Tesi die monochrome Nahsicht auf die Dinge als großformatige
Cibachromearbeiten, deren
Farbigkeit durch die Hochglanzfolie, in die sie beweglich eingearbeitet sind, noch
unterstrichen wird.
«Die ersten Photos waren schwarz-weiß und bezeugten ihren Ursprung
aus der Theorie der Optik noch deutlich. Doch mit dem Fortschreiten einer anderen Theorie,
der der Chemie, wurden schließlich auch bunte Photos möglich. Scheinbar also
abstrahierten die Photos zuerst die Farben aus der Welt, um sie dann wieder
hineinzuschmuggeln. In Wirklichkeit sind jedoch die Photofarben mindestens ebenso
theoretisch wie das Photo-Schwarzweiß. Das Grün der photographierten Wiese etwa ist ein
Bild des Begriffs grün, so wie er in der Theorie der Chemie vorkommt, und die
Kamera (beziehungsweise der in sie eingelegte Film) ist programmiert, diesen Begriff ins
Bild zu übersetzen.»
Die Schwedin Maria Hedlund entdeckt in der
Werkgruppe At My Home in der klaustrophobischen Nahsicht den Schmutz an eigentlich
weißen Gegenständen, wie einem Lichtschalter, einem Duschvorhang, einer Wand mit
Kopfabdrücken, einem Herdknopf oder einem Herdgriff. Feinabstimmungen von Weiß und Grau,
subtile Kontraste nobilitieren den Schmutz im ästhetischen Zusammenhang und lassen ihn in
einem anderen Kontext als dem gewohnt irritierenden erscheinen, wo man ihn in Relation zu
dem wahrnehmenden Individuum als Ansammlung von falschen Dingen am falschen Ort definieren
könnte.
Im Falle dieser Künstlerin auch eine Möglichkeit, die Bedrängnis
des selektiven Blickes formal zu abstrahieren und in Aspekte der monochromen Malerei
überführen wie es ihr Statement im Anhang dieser Publikation belegt.
Ein wesentlicher Gesichtspunkt der Arbeiten dieser Ausstellung ist
es, die Dinge außerhalb ihrer gewohnten Erfahrung zu sehen und damit die eigene
Wahrnehmung zu sensibilisieren. Dies gilt für die Landschafts- wie für die
Interieur-Thematik. Als perspektivisch gelenkte, strukturell und farblich geprägte
Bildwelten dokumentieren sie unterschiedliche Momente der Raumerfahrung, wobei vor der
Erzählung heute die Abstraktion im Vordergrund steht.
Der Blick in das Innere der Räume liefert nicht so
sehr Schilderung der Begebenheiten, sondern eher Einsicht in künstlerisch autonome
Zusammenhänge und setzt so in der zeitgenössischen Photographie Aspekte der klassischen
Interieurthematik unter neuen Vorzeichen fort. Auch die in der Ausstellung präsentierten
Arbeiten zum Thema Landschaft verknüpfen Zeitbezug und Tradition, ästhetische
Akzentuierung und sinnliche Illusion in vielschichtiger, autonomen Ansprüchen folgender
Form.
Die Funktionen der Themen Landschaft und Interieur sind heute andere
als in der kunsthistorischen Vergangenheit. Dennoch bieten sie Konzentration und
reflektieren die Vielschichtigkeit unseres heutigen Raumerlebens, das sowohl äußere und
innere Lebensräume wie auch fiktive, virtuelle, mediengeprägte und photographisch
reproduzierte Räume einschließt. Mit der Auswahl der Themen Landschaft und Interieur,
auf die sich heute viele Künstler im Bereich der Photographie konzentrieren, bleibt die
Sprache der Bilder verständlich und beruft sich um an Andreas Gursky zu erinnern
auf ein Gedächtnis, das seine Facetten in der Vielfalt poststrukturalistischer
Gegenwart auf vertrautem Terrain, als Insight Out, zur einsichtigen Anschauung
bringt.
Barbara Hofmann
(Kuratorin) |
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