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INSIGHT OUT
Landschaft und Interieur als Themen zeitgenössischer Photografie

20. Februar - 8. Mai 1999
Insight OutLandschaft und Interieur als Themen zeitgenössischer Photographie ist die zehnte Ausstellung des Kunstraums Innsbruck und gleichzeitig die erste, die sich ausschließlich der Photographie als künstlerischem Medium widmet. Von den ersten programmatischen Planungen an war es dem Kunstraum Innsbruck ein Anliegen, die Photographie als künstlerische Ausdrucksform entsprechend ihrem besonderen, in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegenen Stellenwert in der Gegenwartskunst zu reflektieren. Die dreißig in dieser Ausstellung vertretenen Künstler breiten einen vielfältigen Fächer von künstlerischen Ansätzen aus, die in der aktuellen Kunst relevant sind. In vorangegangenen Ausstellungen zeigten wir bereits einige hervorragende Positionen künstlerischer Photographie, wie etwa in den fünf Ausstellungen der Reihe Zeitschnitt. Künstler setzten hier Photographie häufig gemeinsam mit anderen visuellen oder akustischen Medien ein, so Voebe de Gruyter und Wouter van Riessen in der Ausstellung tussen de mazen oder Sarah Lucas und Hermione Wiltshire in New Art From Britain. Den selbstverständlichen Zugriff auf Photographie als Ausdrucks- und Gestaltungsmittel in der aktuellen Kunst ließ besonders deutlich die Ausstellung El punto ciego. Spanische Kunst der 90er erkennen. Dort werden verschiedenste Möglichkeiten des Mediums Photographie genutzt: das Einfrieren von heftigen rhythmischen Bewegungen – wie dies Itziar Okariz mit ihren Videostills zu Red Light tut; das Versprechen eines Panoramas, das sich aber als Sicht auf absolute Leere erweist – wie in Montserrat Sotos Arbeit Ausblick, oder das Selbstporträt, wie es der Künstler Pep Agut einsetzt, indem er sich dem Betrachter als Magier präsentiert. Rineke Dijkstra und Albert van Westing (tussen de mazen) verwenden Photographie als künstlerisches Hauptmedium mit klassischen Themen wie dem Porträt oder der belebten Szene. Für Craig Wood und Catherine Yass ist die Photographie geeignetes Ausgangsmedium zur Verfremdung und Stilisierung oder zur inszenierten Selbstdarstellung.

Willie Doherty war in der Ausstellung New Art From Britain mit der Videoarbeit Blackspot vertreten. Zur hier vorliegenden Publikation und Ausstellung scheint uns sein Beitrag wieder ganz wesentlich und unverzichtbar. Auch von Axel Hütte zeigt der Kunstraum Innsbruck nun zum zweiten Mal Arbeiten. Seine Gruppe von fünf großen Photographien (Oberalp I und II 1994, Oberalp 1996, Parnassos I und II 1996 und Hüfigletscher 1996), Simone Niewegs Landschafts-Serie, sowie Olaf Nicolais installativer Beitrag mit Photolichtkästen Nach der Natur 1997 bildeten Eckpfeiler der Ausstellung Landschaft. Die Spur des Sublimen, an der auch Marina Abramovic, Michael Biberstein, Hamish Fulton, Franz Gertsch vertreten waren.

Immer noch ist die Photographie das Medium, das der Wirklichkeit am nächsten ist. Die Entstehung einer Photographie ist in jedem Fall durch eine bestimmte Wirklichkeit bedingt. Das Verhältnis von Realität und Photographie, von durch Lichteinfall visuell Wahrnehmbarem und dem mehr oder weniger kurzen Augenblick, in dem dieses Licht (der Wirklichkeit) seinen Abdruck auf der lichtempfindlichen Fläche des Films hinterläßt, hat sich seit den Anfängen der Photographie Mitte des 19. Jahrhunderts nicht verändert. Radikal verändert haben sich jedoch die Realität und die Photographie selbst.

Die Wahrnehmung der Wirklichkeit des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts verarbeitet einen Quantensprung wissenschaftlichen Erkenntniszuwachses. Die Dingwelten und Räume verändern sich permanent mit ihrer wechselnden Funktion und Nutzung und durch die Beherrschung des sie erhellenden Lichtes von draußen und drinnen. Landschaft und Erdatmosphäre werden durch vielfältigste zivilisatorische Betätigung stärker verändert als je zuvor. Das photographische Wissen und die technische Entwicklung der Photographie halten Schritt mit diesen Veränderungen, ja erlauben sogar vollständige Umformung fertiger Abbilder von Realität, um eine Wirklichkeit zu suggerieren, die künstlich geschaffen ist. Künstler, die sich der Photographie als künstlerisches Medium bedienen, gestalten nicht nur mit den Möglichkeiten des Mediums: sie greifen auch in die Realität ein, arrangieren, beleuchten, bauen, kreieren sie neu – um sie dann photographisch abzubilden. Die Ausstellung und die nun hier vorliegende Publikation Insight Out – Landschaft und Interieur als Themen zeitgenössischer Photographie zeigen ein Spektrum internationaler Künstlerpositionen, die sich mit dem Thema Landschaft und Interieur als vorgefundene, gestaltete oder manipulierte Wirklichkeit und der fokussierenden, auswählenden, akzentuierenden oder verfremdenden Abbildung auseinandersetzen. Der Übergang zwischen Realität und Fiktion ist gleitend – in der Wirklichkeit ebenso wie in der Photographie.

Ein Ausstellungprojekt zeitgenössischer Photographie, das sich mit dem bewegten Objekt und dem Menschenbild befaßt, ist eine Aufgabe für die Zukunft. Mit viel Vergnügen und Freude ist die Arbeit an der Ausstellung Insight Out – Landschaft und Interieur als Themen zeitgenössischer Photographie im engen Dialog zwischen der Kuratorin Barbara Hofmann und uns, dem kleinen Team vom Kunstraum Innsbruck, geleistet worden. Barbara Hofmann gilt ein ganz spezieller Dank für die überzeugende Konzeption der Ausstellung und die bereichernde Zusammenarbeit bei allen Schritten der Entwicklung und Umsetzung der Ausstellung. Besonderer Dank gilt den Künstlern für ihre interessierte und aktive Teilnahme, allen Leihgebern und Galerien, sowie allen unterstützenden Institutionen und privaten Sponsoren.

Elisabeth Thoman-Oberhofer
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INSIGHT OUT
Landschaft und Interieur als Themen zeitgenössischer Photographie

Daß die Photographie obschon ihrer scheinbar objektiv bildlichen Aussagekraft stets einen subjektiv erfaßten Ausschnitt, eine subjektive Interpretation der Realität betrifft, beschrieb schon Susan Sontag in ihrem bekannten Essay zur Photographie. Bei ihr heißt es, daß «(...) die Photographen bei der Entscheidung, wie ein Bild aussehen sollte, bei der Bevorzugung einer von mehreren Aufnahmen ihrem Gegenstand stets bestimmte Maßstäbe aufzwingen». Damit spricht sie gestalterische Prinzipien an, die künstlerische Möglichkeiten im Umgang mit dem Medium indirekt einschließen. In ihrem Essay führt sie dies noch weiter aus: «Auch wenn es in gewisser Hinsicht zutrifft, daß die Kamera die Realität einfängt und nicht nur interpretiert, sind Photos doch genauso eine Interpretation der Welt wie Gemälde und Zeichnungen».

Innerhalb der zeitgenössischen Kunst nimmt die Photographie mittlerweile einen repräsentativen Stellenwert ein. Die ästhetischen und thematischen Ansätze sind künstlerisch weitläufig und werden mittels ihrer im Hinblick auf bildnerische und kulturelle Aussagemöglichkeiten visualisiert. Auch virtuelle, computergenerierte oder die (Bild-)Realität als fiktive Modellkonstruktionen zitierende Bildkonzepte werden als bewußtes Hinterfragen der dokumentarischen Fähigkeiten der Photographie mehr und mehr eingesetzt. Auch die bereits vorhandene Bilderflut der photographisch reproduzierten Bilder fließt bei einigen Künstlern in die Konzeption ihrer Arbeit mit ein.

Vor allem der künstlerische Umgang mit der Photographie der vergangenen Jahre nimmt hierbei die Themen Landschaft und Innenraum häufig zum inhaltlichen Ausgangspunkt ihrer bildnerischen Ansätze. Angesichts der Vielzahl der Künstler, die sich diesen Themen mit unterschiedlichen Fragestellungen zuwenden, könnte man fast sagen, daß sie wesentliche Motivbereiche heutiger Photokunst besetzen und damit Gattungen – als kunsthistorisches Bezugssystem in der Kunst der Gegenwart doch eigentlich in den Hintergrund gedrängt – unter neuen Vorzeichen zur Diskussion stellen. In einer exemplarischen Übersicht zeigt die Ausstellung Insight Out – Landschaft und Interieur als Themen zeitgenössischer Photographie Positionen zeitgenössischer Photographie zu diesen Motivfeldern.

Sie erweitert damit den Ansatz verschiedener Ausstellungsprojekte der jüngeren Vergangenheit, die unter ähnlichen Vorzeichen sowohl Aspekte heutiger Photokunst wie auch der innovativen Bezugnahme auf Traditionen der Photographie- und Kunstgeschichte vorstellten.

Sich als Künstler bei der Motivwahl seiner Arbeiten auf die Pole Außenraum und Innenraum zu konzentrieren und dabei Landschaft und Interieur auszuwählen, heißt allgemein gesprochen, sich mit den vielfältigen Aspekten einer näheren und weiteren Umgebung zu beschäftigen. Im Hinblick auf die Bewegung des Menschen im Raum dokumentiert sich hierin ein phänomenologisches Interesse an der Schilderung der äußeren Realität; dies geschieht sowohl in der Nahsicht auf innenräumliche Umgebung, wie auch in der Fernsicht auf die nach wie vor bedeutungsvolle, wenn auch distanzierter gesehene Landschaft als Kultur- und Naturraum, der gemäß eines aktuellen Zeitbewußtseins reflektiert erscheint. Die Auswahl der hier nun zusammengeführten Künstlerpositionen belegt einerseits die vielfältigen gestalterischen Möglichkeiten, mit denen heute das Medium Photographie genutzt wird und dokumentiert andererseits Anbindungen an historische Bildtraditionen der Landschafts-, Natur-, Interieur- und Stillebendarstellung unter neuen Vorzeichen.

Im Bereich der Landschaftsthematik gilt dies beispielsweise für den niederländischen Künstler Jan Koster, der mit seinen zeitlich notierten und als Einzelbilder collagierten Bildpanoramen niederländischer Landschaften an die Tradition des niederländischen Landschaftsbildes anknüpft, um hier zu einer eigenständigen aktuellen Bezugnahme zu gelangen. Aspekte der Erfahrung naturwissenschaftlicher und topographischer Beobachtung verschmelzen mit der Tradition der Landschaftsdarstellung, die in der nahen Umgebung die Schönheit der kultivierten Natur als Bildthema entdeckte.

Auch der in Düsseldorf lebende Elger Esser setzt sich bei seinen großformatigen Landschaftsbildern mit den Bildtraditionen der Seestücke und Veduten unter neuen Vorzeichen auseinander. Im Vergleich zu den historischen Vorbildern im Bereich der Malerei und auch den Reisephotographien des 19. Jahrhunderts haben seine Arbeiten jedoch nicht mehr die Aufgabe, als Städte- und Reisebilder Bilddokumente zu liefern, sondern erfassen den eigentlich unspektakulären Landschaftsausschnitt in einem chromatisch verschmolzenen Gesamtton.

Zur Motivation, sich innerhalb der Photographie Bildgattungen zuzuwenden, hat sich der in der Ausstellung mit der Arbeit Universität Bochum vertretene Photokünstler Andreas Gursky einmal in einem Interview geäußert. Hierbei liefert er gleichzeitig die Kriterien zu einer zeitgemäß künstlerischen Bewertung: «Ich werde oft gefragt, ob ich bewußt das Themenrepertoire der Genremalerei aufgreife und in photographische Bilder umsetze. Es gibt bei mir keinen konzeptionellen Entschluß, so vorzugehen, ich halte es jedoch nicht für einen Zufall, daß über Jahrhunderte immer wieder ähnliche Bildvorstellungen in der Kunstgeschichte auftauchen. Es gibt offensichtlich eine gemeinsame, allen Menschen verständliche Sprache des Unbewußten, die man Sprache der Bilder nennen könnte. Die Gefahr einer tautologischen Aussage wäre gegeben, wenn der Künstler das Bestehende bildhaft bestätigt und eine Abstrahierung des Faktischen auf eine höhere Ebene nicht glücken würde. Wäre das photographische Abbild nicht mehr als die Summe seiner einzelnen Teile, hätten wir es natürlich immer mit einem reproduktiven Abbild zu tun. Mir geht es bei meinen Bildern aber stets darum, daß ihr tatsächlicher Bedeutungszusammenhang unklar bleibt.»

Die Photoarbeit Universität Bochum abstrahiert das Faktische des Universitätscampus auf verschiedene Weise und umschließt die Themen Landschaft und Interieur im ästhetisch autonomen Zusammenspiel. Die als offene Überdachung konzipierte moderne Beton- und Stahlkonstruktion verweist baldachinartig auf zeitgenössische Strukturen der Architektur. In Form eines Universitätsgebäudes vergegenwärtigt sie das Thema Interieur repräsentativ im Sinne eines kulturellen Gedächtnisses. Ein Aspekt, der auch in den Photoarbeiten Candida Höfers mit Interieurs von Universitäten und Museen zutage tritt.

Andererseits stellt der Durchblick auf die Umgebung bei Gurskys Photoarbeit die Verbindung zu dem Thema Landschaft als kulturell geprägtem Außenraum her. Die großformatige, an malerische Bildtraditionen erinnernde Tableaupräsentation stellt das Bild in den Kontext einer künstlerischen Auseinandersetzung, die eben ein Teil jener Abstrahierung ist, von der Gursky in seinem Interview spricht und die auch bei anderen Künstlern der Ausstellung zu einem formalen Element der Präsentation wird.

Neben den strukturellen, perspektivisch kompositionellen und dem farblich nicht durch Lichteffekte dramatisierten nüchternen Gesamtton der Arbeit, vollzieht sich bei Gursky eine Auseinandersetzung mit dem Sujet kulturell geprägter Architektur in der Landschaft aus einem neutralisierenden Zeitbezug heraus. Die Piktogramme am Betonpfeiler erinnern auf unspektakuläre Weise an heutige städtische Lebensformen.

Auch der amerikanische Konzeptkünstler Dan Graham setzt sich seit Ende der 60er Jahre mit Architekturtypologien auseinander, die urban zivilisatorische Muster als soziologisch strukturelles Landschaftsbild kreieren. Seine Systematiken von Architektur-Gegenüberstellungen stellen eine offene, sich stets erweiternde Werkgruppe dar. Die zweiteilige Arbeit View Interior, New Highway Restaurant, Jersey City, NY aus dem Jahr 1967, dokumentiert am Beispiel eines typisch amerikanischen Burgerrestaurants das Zusammenspiel von technisch geprägter Landschaft und modernem, industriell gepägtem Interieur als Ausdruck zeitgenössischer Lebensformen. Läßt der erste Bildteil über einen langgezogenen Tisch mit Barhockern den Durchblick auf eine Industrielandschaft zu, so zeigt der zweite Teil eine amerikanische Familie, die nun den Ausblick auf die Industrielandschaft von einer anderen Perspektive mit dem Rücken zum Betrachter auf den Barhockern «genießt».

Innerhalb der Kunstgeschichte repräsentieren die Themen Landschaft und Interieur die Entwicklung des selbstbewußten, Raum erforschenden und alltägliche Zusammenhänge wahrnehmenden Individuums im kulturellen Zusammenhang. Die Photoarbeit Dan Grahams scheint wie eine Ironie der Bildtraditionen, wo sich die Darstellung der Landschaft als symbolischer Illusions- und Interpretationsraum, als Projektionsfläche der menschlichen Seele im kosmologischen und kulturellen Zusammenhang zwar schon in der christlichen Ikonographie, in der Renaissance und dem Klassizismus wiederspiegelte, sich als autonomes Thema dann aber erst in der Romantik ausprägte. Wie die Personen der Wanderer in den Bildern Caspar David Friedrichs durch Rückenansicht den Betrachter in den offenen Horizont führen, platziert sich die Familie bei Dan Graham statisch in der industrialisierten Umgebung der Moderne und hält andere Aussichten als idealisierte Naturlandschaften bereit.

Landschaft als bildnerisches Thema bezieht sich heute im Bereich der Photographie nicht mehr so sehr auf eine romantisierende Einheit von Mensch und Natur, sondern stellt sich im Zeitalter urban geprägter Spätindustrialisierung nüchterner und relativierender, wenngleich auch ästhetisch sinnlich dar. Auf der Basis kritischer Zeiterfahrung scheinen heute Bildkonzepte möglich, die die Landschaft anschaulich vergegenwärtigen ohne dabei ökologisches Bewußtsein und kritische Aspekte vordergründig anzusprechen. Die Bildstrategien der Photographie beziehen sich dabei bewußt auf Aspekte des schönen, bisweilen kitschig idealisierten Natureindrucks. Thomas Struths Blumenbilder, die subjektiv geprägten Landschafts- und Raumansichten Jack Piersons und auch die überbelichtet milchigen Arbeiten des Schweden Mikael Olsson spielen mit unprätentiöser Poesie auf Bildmotive alltäglich idealisierter und massenhaft reproduzierter Naturthemen an, wovon sie sich durch bildnerische Nuancen des Unperfekten distanzieren.

Hierfür sprechen auch die Bergwelten, die Walter Niedermayr in seinen Arbeiten thematisiert. Das Erlebnis ihrer Natur ist immer noch beeindruckend; es erscheint aber durch Tourismus, Liftstationen bis hin zu Straßenschildern bereits pervertiert. Natur als Landschaft ist ein kulturelles Artefakt, eine Konstruktion und Fiktion, die von der Imagination menschlicher Werte lebt.

Der Niederländer Edwin Zwakman setzt seine Arbeit dort an, wo die falschen Fährten digitaler Bildbearbeitung bei der Konstruktion eines photographischen Bildes von der Welt real erscheinen und dennoch bewußt als Illusionsräume angelegt sind. Die großformatigen Photoarbeiten zitieren landschaftliche und zivilisatorische Zusammenhänge in freier Form und basieren als optische Täuschung eigentlich auf im Atelier gebauten Miniatur-Modellen.

Auch Dieter Hubers Landschaften entspringen virtuellen Computerphantasien. Ihnen liegen photographisch erfaßte, reale Landschaftsausschnitte zugrunde, die sich als virtuelle Manipulationen zu neuen Landschaften, Kontinenten und Vegetationszonen verbinden und so die Idee der idealisierten Landschaft in Anspielung auf die heutige Gen-Technologie als «Klone» mit neuen Mitteln aufgreifen. Sofern hier offene Horizonte die Landschaft umgeben, folgt die Bildthematik experimentellen, imaginären Utopien, die mehr an touristische Erfahrungen exotischer Landschaften erinnern, als eine verinnerlichte Schau der Landschaft als «Kosmos der Seele» bedeuten.

In der Romantik war der Horizont noch Sinnbild der schöpferischen Unendlichkeit und Idealisierung der Landschaft, die das innere Ich im Außenraum spiegelte. Heute fällt er bei den photographischen Annäherungen an das Thema häufig weg. Sowohl Günther Förgs Seestück wie auch die neuere Arbeit der isländischen Landschaft Myvatn von Axel Hütte belegen dies.

Axel Hütte, der in seinen früheren Arbeiten stets die Dualität von Kultur- und Naturraum im Nebeneinander von Architekturelementen in der Landschaft vorstellte, nimmt hier jede kulturell determinierte Strukturierung zurück und wählt den Ausschnitt einer von gräulichem Gesamtton bedeckten und von Nebelschleier umgebenen isländischen Landschaft als Bildsujet. Lapidar erscheint hier die Landschaft fernab von einer farblichen Verführung, fernab vom Faszinosum der Erhabenheit; vielmehr gewinnt die Photoarbeit ihre Anziehung durch ein Bild der Landschaft, das im unspektakulär Horizontlosen, Rudimentären und farblich Neutralen seine bildnerische Aussagekraft erhält. Island ist als Landschaftsmotiv in der Photographie der Gegenwartskunst häufiger zu sehen. Auch Betsy Green, die in der Ausstellung mit kleineren Arbeiten zum Thema vertreten ist, kann hier genannt werden.

Wie schon Andreas Gursky, Candida Höfer und Axel Hütte, gehört auch Boris Becker der mittlerweile renommierten Gruppe der sachlich dokumentarisch orientierten Sehweise der Becher-Schule an. Horizontlos wählt Becker bei seinen nicht weiter lokalisierten Landschaftsbildern aus der Werkgruppe der Felder landwirtschaftlich geprägte Ausschnitte zum Bildgegenstand, die abstrahierend, sich weitgehend auf sich selbst und ihre strukturellen oder farblichen Qualitäten beziehen.

«Im Unterschied zur klassischen Form des Landschaftsbildes befindet sich der Blick in diesen Photographien jedoch unter dem Horizont, so daß der Betrachter kein Zentrum, keinen festen Anhaltspunkt vorfindet, an dem er sich gegenüber der Natur orientieren könnte. In der von kompositionellen Zwängen befreiten Bildform des Allover erfährt sich der Betrachter vielmehr in der Natur.»

Der Außenraum als Landschaft findet im Interieurbild ein auf den Innenraum bezogenes Genre-Pendant. Als Bildthema brachte der Innenraum in der Blütezeit des niederländischen Interieurbildes nicht nur selbstgenügsam die sinnliche Darstellung des Alltagslebens zur Darstellung, sondern war im räumlichen Gefüge auch ausgerichtet auf die Außenwelt, die symbolisch und allegorisch herauszulesen war. Die Repräsentation des Dinglichen im Kontext des Traditionellen lieferte hier stets auch Verweise auf den kulturellen und sozialen Zusammenhang und die menschlich innere Gestimmtheit der Szenerie. Als Thema innerhalb der Photographie unseres Jahrhunderts spielte das Interieur beispielsweise in der sachlichen Photographie bei Albert-Renger Patzsch eine Rolle. In «(...) seinem auf exakte Formwiedergabe abzielenden Aufnahmestil» (M. Bieger-Thielemann) dokumentierte er seit den 20er Jahren unseres Jahrhunderts vor allem Industrieräume. Wenn sich heute Künstler im Bereich der Photographie dem Thema der Raumdarstellung zuwenden, dann ist vor allem ein Zusammenspiel von soziokulturellen Bezügen und banalisierten Nebensächlichkeiten ablesbar.

Candida Höfers perspektivisch nicht auf einen zentralen Blickwinkel hin ausgerichtete Photoarbeiten öffentlicher Räume leben von dem mehrschichtigen Wechselspiel kultureller Aura und nebensächlicher Details, die einer alltäglich praktischen Dingwelt entspringen. Der besondere Lichteinfall ihrer Arbeiten ruft darüber hinaus eine Aura des Zeitlosen hervor.

Katharina Bosses Interieurs der Werkgruppe von aussen/von innen zeigen hingegen Räume alltäglicher Ästhetik und Zweckbezogenheit. Nüchtern und kühl stellen sie öffentliche Räume vor. «Sie erzählen», wie die Künstlerin selbst formuliert, «(...) von den in Design und Stil ausdrückbaren kollektiven Werten/Sehnsüchten unserer Zeit», sowie von dem «(...) Verfangensein des Einzelnen in der von ihm wahrgenommenen Welt, einer Unmöglichkeit, aus dem Inneren das Äußere zu begreifen», jedoch auch nicht «(...) Inneres und Äußeres voneinander trennen zu können».

Die Schwedin Miriam Bäckström abstrahiert die Idee des Interieurs als künstlerisches Konstrukt, indem sie die Relativität der Wahrheit von Film-Bauten zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit macht. Auch Matthias Hochs Innenräume technischer Bestimmung betonen strukturelle und farbliche Eigenheiten der Räume mehr unter malerischen Gesichtspunkten als im Sinne eines Architekturdokuments.

So reichen die hier zusammengeführten Interieurdarstellungen im Bereich der Photographie von einer perspektivisch und ästhetisch gelenkten Gesamtsicht auf meist menschenleere Raumzusammenhänge, die mitunter auch eine Öffnung zum Außenraum sichtbar werden lassen, bis hin zu detailorientierten Wahrnehmungsfeldern, die die Dinge aus ihrem gewohnten Zusammenhang isolieren, um sie ästhetisch zu abstrahieren und damit ungewohnt zu akzentuieren.

Exemplarisch hierfür sind auch die Anfang der 90er Jahre entstandenen Photoarbeiten Jörg Sasses von Raumdetails, während er in seinen aktuellen Arbeiten Aspekten ästhetischer Fragestellungen innerhalb meist großformatig aufgelöster, digital bearbeiteter Photos nachgeht; so läßt er das «Universum der technischen Bilder», wie es Vilém Flusser einmal beschrieben hat, unterschiedlich in seine Bildkonzepte einfließen.

Die Moderne des 20. Jahrhunderts hat den alltäglichen Gegenstand im künstlerischen Kontext verschiedenen Strategien unterworfen, um ihn entweder ironisch gestaltungswürdig erscheinen zu lassen oder mit seiner Hilfe im Kunstraum zynisch das System der Kunst selbst zu diskutieren. Innerhalb der Photographie gewinnt die Nebensächlichkeit des dinglichen Details – so wie sie von einigen Künstlern in der gestalterischen Nahsicht vom bloßen singulären Gegenstand bis zur Neuordnung der Dinge innerhalb räumlicher Interieurs gesehen wird – neue Bedeutung.

Die virtuellen Raumkompositionen Lois Renners, im Atelier aus Modellen maßstäblicher Kombinationen von realen Materialien und Gegenständen zusammengefügt, lassen Grundlagen der Komposition im ästhetisch bildnerischen Gefüge erkennen und stellen abstrahierend Raumvariablen dar, die in entfernter, zweidimensionaler Weise an die Merz-Bauten von Kurt Schwitters erinnern. Sie bewegen sich im inneren Kontext der Kunst, wo Christopher Mullers Photoarbeiten von Aufreihungen banaler Alltagsgegenstände als neue Form der Stillebendarstellung ebenfalls anzusiedeln sind.

Die Italienerin Alessandra Tesi findet belanglose Details in Räumen, die vor allem farblich geprägt sind. Ausschnitte auf Banalitäten – wie in der Arbeit Rosa H L I ein um eine rosafarbene Raumecke geführtes Wasserrohr, oder in Leicester G 2 die grüne Wandbemalung eines Treppenhauses – scheinen einem alltäglichen Bedürfnis der Gestaltung entsprungen zu sein. In fokussierender Nahsicht, skulptural und vor allem farblich abstrakt, visualisiert Tesi die monochrome Nahsicht auf die Dinge als großformatige Cibachromearbeiten, deren Farbigkeit durch die Hochglanzfolie, in die sie beweglich eingearbeitet sind, noch unterstrichen wird.

«Die ersten Photos waren schwarz-weiß und bezeugten ihren Ursprung aus der Theorie der Optik noch deutlich. Doch mit dem Fortschreiten einer anderen Theorie, der der Chemie, wurden schließlich auch bunte Photos möglich. Scheinbar also abstrahierten die Photos zuerst die Farben aus der Welt, um sie dann wieder hineinzuschmuggeln. In Wirklichkeit sind jedoch die Photofarben mindestens ebenso theoretisch wie das Photo-Schwarzweiß. Das Grün der photographierten Wiese etwa ist ein Bild des Begriffs ‹grün›, so wie er in der Theorie der Chemie vorkommt, und die Kamera (beziehungsweise der in sie eingelegte Film) ist programmiert, diesen Begriff ins Bild zu übersetzen.»

Die Schwedin Maria Hedlund entdeckt in der Werkgruppe At My Home in der klaustrophobischen Nahsicht den Schmutz an eigentlich weißen Gegenständen, wie einem Lichtschalter, einem Duschvorhang, einer Wand mit Kopfabdrücken, einem Herdknopf oder einem Herdgriff. Feinabstimmungen von Weiß und Grau, subtile Kontraste nobilitieren den Schmutz im ästhetischen Zusammenhang und lassen ihn in einem anderen Kontext als dem gewohnt irritierenden erscheinen, wo man ihn in Relation zu dem wahrnehmenden Individuum als Ansammlung von falschen Dingen am falschen Ort definieren könnte.

Im Falle dieser Künstlerin auch eine Möglichkeit, die Bedrängnis des selektiven Blickes formal zu abstrahieren und in Aspekte der monochromen Malerei überführen – wie es ihr Statement im Anhang dieser Publikation belegt.

Ein wesentlicher Gesichtspunkt der Arbeiten dieser Ausstellung ist es, die Dinge außerhalb ihrer gewohnten Erfahrung zu sehen und damit die eigene Wahrnehmung zu sensibilisieren. Dies gilt für die Landschafts- wie für die Interieur-Thematik. Als perspektivisch gelenkte, strukturell und farblich geprägte Bildwelten dokumentieren sie unterschiedliche Momente der Raumerfahrung, wobei vor der Erzählung heute die Abstraktion im Vordergrund steht.

Der Blick in das Innere der Räume liefert nicht so sehr Schilderung der Begebenheiten, sondern eher Einsicht in künstlerisch autonome Zusammenhänge und setzt so in der zeitgenössischen Photographie Aspekte der klassischen Interieurthematik unter neuen Vorzeichen fort. Auch die in der Ausstellung präsentierten Arbeiten zum Thema Landschaft verknüpfen Zeitbezug und Tradition, ästhetische Akzentuierung und sinnliche Illusion in vielschichtiger, autonomen Ansprüchen folgender Form.

Die Funktionen der Themen Landschaft und Interieur sind heute andere als in der kunsthistorischen Vergangenheit. Dennoch bieten sie Konzentration und reflektieren die Vielschichtigkeit unseres heutigen Raumerlebens, das sowohl äußere und innere Lebensräume wie auch fiktive, virtuelle, mediengeprägte und photographisch reproduzierte Räume einschließt. Mit der Auswahl der Themen Landschaft und Interieur, auf die sich heute viele Künstler im Bereich der Photographie konzentrieren, bleibt die Sprache der Bilder verständlich und beruft sich – um an Andreas Gursky zu erinnern – auf ein Gedächtnis, das seine Facetten in der Vielfalt poststrukturalistischer Gegenwart auf vertrautem Terrain, als Insight Out, zur einsichtigen Anschauung bringt.

Barbara Hofmann (Kuratorin)
 
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