Als im Sommer 1996 der
KUNSTRAUM INNSBRUCK mit der Eröffnungsausstellung ZEITSCHNITT`96 Aktuelle Kunst aus
Österreich, kuratiert von Ulli Lindmayr, seine Tätigkeit begann, war für die
inhaltliche Konzeption des Programms bereits einige Vorarbeit geleistet worden. Aus fünf
europäischen Ländern waren Kuratoren eingeladen worden, je eine Ausstellung aktueller
künstlerischer Positionen aus ihrem jeweiligen kulturellen Umfeld zu konzipieren. Das
Anliegen war, durch die rasche Aufeinanderfolge von Gruppenausstellungen einen Fächer
aktuellen internationalen Kunstschaffens in seiner Vielfalt anzudeuten, um dem vor Ort
herrschenden eklatanten Mangel an Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst
entgegenzuwirken und damit Innsbruck wieder stärker in das überregionale, internationale
Flechtwerk der Vermittlung aktueller Kunst einzuknüpfen.
Ulli Lindmayr, Antwerpen, wählte für ihre Ausstellung ZEITSCHNITT`96 Aktuelle Kunst aus
Österreich zwölf Künstler und Künstlergruppen aus Österreich aus: Gottfried
Feldner,
Mario Gander, die Geschwister Odradek , Günter Gstrein, Eudokia Gundolf, Walter Gundolf,
Stefan Gyurko, Andreas Holzknecht, Annelies Oberdanner, Klaus Pobitzer, Isa Rosenberger
und Clemens Stecher. Bernard Jordan und Marcel Lubac, Paris, stellten mit der Ausstellung
corps/décor, im Frühjahr 1997 sechs hauptsächlich in Frankreich lebende Künstler vor:
Erik Corne, Christoph Cuzin, Bertrand Gadenne, Jackie Kayser, Bernard Lallemand und
François Maurige. Lex ter Brak, Middelburg, Niederlande, präsentierte in tussen de
massen im Frühsommer 1997 folgende acht künstlerische Positionen: Vobe de Gruyter,
Rineke Dijkstra, Fransje Killaars, Renée Kool, Ronald Ophuis, Keiko
Sato, Wouter van
Riessen und Albert van Westing.
Im Sommer 1998 zeigten wir mit Peter Murray und in Zusammenarbeit mit dem Yorkshire
Sculpture Park die Ausstellung New Art from Britain mit Christine
Borland, Willie Doherty,
Ceal Floyer, Laura Ford, John Frankland, Anya Gallaccio, Bethan Huys,
KIT, Tania Kovats,
Sarah Lucas, Cornelia Parker, Emma Rushton, Hermione Wiltshire, Craig Wood und Catherine
Yass.
Mit der fünften Ausstellung der Reihe Zeitschnitt und der nun hier vorliegenden
Publikation zu El punto ciego. Spanische Kunst der 90er erweist sich einmal mehr, daß die
Strukturierung einer Vielfalt künstlerischer Strategien in der Gegenwartskunst nach dem
Herkommen der Künstler, nach dem kulturhistorischen- und Alltagsumfeld, in das sie
hineingeboren wurden und/oder das sie als ihren vielleicht zeitlich begrenzten Lebens- und
Arbeitsort gewählt haben, hilfreich und gleich geeignet ist wie die Wahl eines Themas
oder einer Technik.
Die von José Luis Brea ausgewählten, in dieser Ausstellung präsentierten elf Positionen
sind jene internationaler Künstler: Ana Laura Alaez, Pep Agut, Txomin
Badiola, Jordi Colomer, Salomé Cuesta, Dora Garcia, Pello Irazu, José
Maldonado, Itziar Okariz,
Montserat Soto und Eulalia Valldosera sind als Individuen und mit ihren Werken nicht nur
virtuell sondern physisch mobil und leben zum Teil ganz oder zeitweise im Ausland. Sie
sind in freundschaftlichen und fachlichen Kontakten mit Künstlern aus aller Welt
verknüpft. Sie bedienen sich mit großer Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit einer
internationalen Formensprache, die den erweiterten Lesefähigkeiten der eigenen und
jüngeren Generation entspricht, welche an digitalen, virtuellen Video- und Audiowelten,
der erhöhten Geschwindigkeit der Veränderung und den entsprechenden neuen ästhetischen
Merkmalen geschult sind.
Sie bauen damit ihre kulturelle Erstprägung, die sie im Heranwachsen, sich Ausbilden und
Entwickeln in ihrem spezifischen kulturellen Umfeld mit seinen geopolitischen und
kulturgeschichtlichen Gegebenheiten erfahren und erworben haben, auf.
Spanien ist in seiner Geschichte und Kultur geprägt von einer Reihe von
Kulturvölkern-Griechen, Römer, Goten, Vandalen, Mauren-, von verschiedenen Religionen-
Judentum, Christentum, Islam- mit über die Jahrhunderte wechselnd starkem
Einfluß, von
verknüpfter politischer Geschichte und wechselseitiger kultureller Beeinflussung mit und
durch Österreich/Mitteleuropa einerseits und Mittel- und Südamerika andererseits und von
topographisch- klimatischen Bedingungen eines Küsten- und Binnenlandes zugleich. Es ist
anzunehmen, daß diese komplexen kulturellen Bedingungen und die konsequente
Auseinandersetzung mit neuen geistigen Strömungen nicht nur der westlichen Welt die Basis
jenes tradierten spanischen Avantgarde- Denkens bilden, das spanische Künstler im Laufe
der Kunstgeschichte immer wieder wegweisend hervortreten ließ. So nehmen Velázquez und
die spanische Barockmalerei einen hervorragenden Platz im gesamteuropäischen
Kunstschaffen der Zeit ein, Goya gilt als visionärer Vorläufer der Moderne, Picasso,
Juan Gris, die Surrealisten mit Miró und Bunuel prägen maßgeblich die Kunstgeschichte
des 20. Jahrhunderts.Seit Information durch
innovative Technologien und neue Medien global beinahe uneingeschränkt verfügbar ist,
machen sich Kunstschaffende diese potenzierten Kommunikationsmöglichkeiten zu Nutze und
haben eine Formensprache, ein Vokabular entwickelt, das eine gewisse Lesbarkeit
weltumspannend garantiert und eine Kommunikationsform darstellt, die die Grenzen
nationaler Sprachen oder Zeichenkodizes, die auf Kulturgemeinschaften begrenzt sind,
sprengt. Das ästhetische und inhaltliche Bezugssystem schöpfen die Künstler für ihre
Arbeit nicht nur aus Selbstbeobachtung und Selbstdarstellung, aus ihrer Zeitzeugenschaft
als Mitglieder und Beobachter der Gesellschaft in der sie leben und aus der Kunst- und
Kulturgeschichte und den historischen Entwicklungen, die einem spezifischen und dem
allgemeinen Zustand der Gesellschaft zu Grunde liegen, sondern vor allem auch aus ihrem
Dialog untereinander und dem referenziellen Aufnehmen anderer künstlerischer Impulse oder
Inhalte in der eigenen Kunstproduktion und dies über alle geographischen und kulturellen
Grenzen hinweg.
El punto ciego. Spanische Kunst der 90er ist eine
Ausstellung, die eine international verständliche Sprache spricht und sich mit
wesentlichen Themen unserer Zeit und Gesellschaft auseinander setzt. Befähigt und berufen
sind die Künstler der Ausstellung dazu durch die komplexen kulturellen Bedingungen ihres
Herkommens und durch die kritische Tradition von der José Luis Brea in seinem Essay
spricht.
Besonderer Dank gilt den Künstlern für ihre interessierte
und aktive Teilnahme an der Ausstellung und am Aufbau, den Leihgebern und Galerien, den
Autoren, sowie allen unterstützenden Institutionen von Stadt, Land und Bund, der
spanischen Botschaft und den privaten Sponsoren, hier vor allem dem Hauptsponsor, der
Tiroler Sparkasse Bank AG, die seit der Gründung vor 176 Jahren gemeinnützig tätig ist
und weite Bereiche des sozialen und kulturellen Lebens fördert und die Präsentation
zeitgenössischer Kunst als Teil ihrer gesellschaftlichen Funktion sieht. Für die
überzeugende Konzeption der Ausstellung und die fruchtbare Zusammenarbeit bei allen
Schritten der Entwicklung und Umsetzung der Ausstellung gebührt José Luis Brea
besonderer Dank ebenso Soledad Lorenzo für ihre wertvollen Anregungen und Hilfestellungen
von der ersten Idee zur Ausstellung an.
Elisabeth
Thoman-Oberhofer |
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