KUNSTRAUM INNSBRUCK
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EL PUNTO CIEGO.
Spanische Kunst der 90er

7. November - 23. Januar 1999
 
Als im Sommer 1996 der KUNSTRAUM INNSBRUCK mit der Eröffnungsausstellung ZEITSCHNITT`96 Aktuelle Kunst aus Österreich, kuratiert von Ulli Lindmayr, seine Tätigkeit begann, war für die inhaltliche Konzeption des Programms bereits einige Vorarbeit geleistet worden. Aus fünf europäischen Ländern waren Kuratoren eingeladen worden, je eine Ausstellung aktueller künstlerischer Positionen aus ihrem jeweiligen kulturellen Umfeld zu konzipieren. Das Anliegen war, durch die rasche Aufeinanderfolge von Gruppenausstellungen einen Fächer aktuellen internationalen Kunstschaffens in seiner Vielfalt anzudeuten, um dem vor Ort herrschenden eklatanten Mangel an Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst entgegenzuwirken und damit Innsbruck wieder stärker in das überregionale, internationale Flechtwerk der Vermittlung aktueller Kunst einzuknüpfen.
Ulli Lindmayr, Antwerpen, wählte für ihre Ausstellung ZEITSCHNITT`96 Aktuelle Kunst aus Österreich zwölf Künstler und Künstlergruppen aus Österreich aus: Gottfried Feldner, Mario Gander, die Geschwister Odradek , Günter Gstrein, Eudokia Gundolf, Walter Gundolf, Stefan Gyurko, Andreas Holzknecht, Annelies Oberdanner, Klaus Pobitzer, Isa Rosenberger und Clemens Stecher. Bernard Jordan und Marcel Lubac, Paris, stellten mit der Ausstellung corps/décor, im Frühjahr 1997 sechs hauptsächlich in Frankreich lebende Künstler vor: Erik Corne, Christoph Cuzin, Bertrand Gadenne, Jackie Kayser, Bernard Lallemand und François Maurige. Lex ter Brak, Middelburg, Niederlande, präsentierte in tussen de massen im Frühsommer 1997 folgende acht künstlerische Positionen: Vobe de Gruyter, Rineke Dijkstra, Fransje Killaars, Renée Kool, Ronald Ophuis, Keiko Sato, Wouter van Riessen und Albert van Westing.
Im Sommer 1998 zeigten wir mit Peter Murray und in Zusammenarbeit mit dem Yorkshire Sculpture Park die Ausstellung New Art from Britain mit Christine Borland, Willie Doherty, Ceal Floyer, Laura Ford, John Frankland, Anya Gallaccio, Bethan Huys, KIT, Tania Kovats, Sarah Lucas, Cornelia Parker, Emma Rushton, Hermione Wiltshire, Craig Wood und Catherine Yass.
Mit der fünften Ausstellung der Reihe Zeitschnitt und der nun hier vorliegenden Publikation zu El punto ciego. Spanische Kunst der 90er erweist sich einmal mehr, daß die Strukturierung einer Vielfalt künstlerischer Strategien in der Gegenwartskunst nach dem Herkommen der Künstler, nach dem kulturhistorischen- und Alltagsumfeld, in das sie hineingeboren wurden und/oder das sie als ihren vielleicht zeitlich begrenzten Lebens- und Arbeitsort gewählt haben, hilfreich und gleich geeignet ist wie die Wahl eines Themas oder einer Technik.
Die von José Luis Brea ausgewählten, in dieser Ausstellung präsentierten elf Positionen sind jene internationaler Künstler: Ana Laura Alaez, Pep Agut, Txomin Badiola, Jordi Colomer, Salomé Cuesta, Dora Garcia, Pello Irazu, José Maldonado, Itziar Okariz, Montserat Soto und Eulalia Valldosera sind als Individuen und mit ihren Werken nicht nur virtuell sondern physisch mobil und leben zum Teil ganz oder zeitweise im Ausland. Sie sind in freundschaftlichen und fachlichen Kontakten mit Künstlern aus aller Welt verknüpft. Sie bedienen sich mit großer Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit einer internationalen Formensprache, die den erweiterten Lesefähigkeiten der eigenen und jüngeren Generation entspricht, welche an digitalen, virtuellen Video- und Audiowelten, der erhöhten Geschwindigkeit der Veränderung und den entsprechenden neuen ästhetischen Merkmalen geschult sind.
Sie bauen damit ihre kulturelle Erstprägung, die sie im Heranwachsen, sich Ausbilden und Entwickeln in ihrem spezifischen kulturellen Umfeld mit seinen geopolitischen und kulturgeschichtlichen Gegebenheiten erfahren und erworben haben, auf.
Spanien ist in seiner Geschichte und Kultur geprägt von einer Reihe von Kulturvölkern-Griechen, Römer, Goten, Vandalen, Mauren-, von verschiedenen Religionen- Judentum, Christentum, Islam- mit über die Jahrhunderte wechselnd starkem Einfluß, von verknüpfter politischer Geschichte und wechselseitiger kultureller Beeinflussung mit und durch Österreich/Mitteleuropa einerseits und Mittel- und Südamerika andererseits und von topographisch- klimatischen Bedingungen eines Küsten- und Binnenlandes zugleich. Es ist anzunehmen, daß diese komplexen kulturellen Bedingungen und die konsequente Auseinandersetzung mit neuen geistigen Strömungen nicht nur der westlichen Welt die Basis jenes tradierten spanischen Avantgarde- Denkens bilden, das spanische Künstler im Laufe der Kunstgeschichte immer wieder wegweisend hervortreten ließ. So nehmen Velázquez und die spanische Barockmalerei einen hervorragenden Platz im gesamteuropäischen Kunstschaffen der Zeit ein, Goya gilt als visionärer Vorläufer der Moderne, Picasso, Juan Gris, die Surrealisten mit Miró und Bunuel prägen maßgeblich die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Seit Information durch innovative Technologien und neue Medien global beinahe uneingeschränkt verfügbar ist, machen sich Kunstschaffende diese potenzierten Kommunikationsmöglichkeiten zu Nutze und haben eine Formensprache, ein Vokabular entwickelt, das eine gewisse Lesbarkeit weltumspannend garantiert und eine Kommunikationsform darstellt, die die Grenzen nationaler Sprachen oder Zeichenkodizes, die auf Kulturgemeinschaften begrenzt sind, sprengt. Das ästhetische und inhaltliche Bezugssystem schöpfen die Künstler für ihre Arbeit nicht nur aus Selbstbeobachtung und Selbstdarstellung, aus ihrer Zeitzeugenschaft als Mitglieder und Beobachter der Gesellschaft in der sie leben und aus der Kunst- und Kulturgeschichte und den historischen Entwicklungen, die einem spezifischen und dem allgemeinen Zustand der Gesellschaft zu Grunde liegen, sondern vor allem auch aus ihrem Dialog untereinander und dem referenziellen Aufnehmen anderer künstlerischer Impulse oder Inhalte in der eigenen Kunstproduktion und dies über alle geographischen und kulturellen Grenzen hinweg.

El punto ciego. Spanische Kunst der 90er ist eine Ausstellung, die eine international verständliche Sprache spricht und sich mit wesentlichen Themen unserer Zeit und Gesellschaft auseinander setzt. Befähigt und berufen sind die Künstler der Ausstellung dazu durch die komplexen kulturellen Bedingungen ihres Herkommens und durch die kritische Tradition von der José Luis Brea in seinem Essay spricht.

Besonderer Dank gilt den Künstlern für ihre interessierte und aktive Teilnahme an der Ausstellung und am Aufbau, den Leihgebern und Galerien, den Autoren, sowie allen unterstützenden Institutionen von Stadt, Land und Bund, der spanischen Botschaft und den privaten Sponsoren, hier vor allem dem Hauptsponsor, der Tiroler Sparkasse Bank AG, die seit der Gründung vor 176 Jahren gemeinnützig tätig ist und weite Bereiche des sozialen und kulturellen Lebens fördert und die Präsentation zeitgenössischer Kunst als Teil ihrer gesellschaftlichen Funktion sieht. Für die überzeugende Konzeption der Ausstellung und die fruchtbare Zusammenarbeit bei allen Schritten der Entwicklung und Umsetzung der Ausstellung gebührt José Luis Brea besonderer Dank ebenso Soledad Lorenzo für ihre wertvollen Anregungen und Hilfestellungen von der ersten Idee zur Ausstellung an.

Elisabeth Thoman-Oberhofer

 
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